Coworking: Ein Trend mit vielseitigem Nutzen

Es ist ein Trend mit ziemlich missverständlichem Namen, so viel ist sicher. Wer des Englischen auch nur halbwegs mächtig ist und hört, dass „Coworking“ gerade groß im Kommen ist, möchte sich an den Kopf fassen. Natürlich arbeiten Kollegen im Idealfall zusammen und, ja, die Zeit der Einzelkämpfer im Büro ist vorbei. Doch ruhig Blut: Hier geht es um eine etwas weiter gefasste Form der Kollegialität. Gemeint ist, dass sich Freelancer, Kreativ-Schaffende oder kleine Startups zusammentun, um gemeinsam größere Räumlichkeiten zu nutzen. Klar, dass sich daraus Synergien ergeben können und dieser Effekt ist durchaus gewollt. Allerdings verdankt die Idee ihren Höhenflug auch der knappen Wohnraumsituation in Städten und den daraus resultierenden hohen Kosten für einen Arbeitsplatz, den sich Einzelne kaum noch leisten können.

 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Man könnte fast von einer modernen Erfolgsgeschichte sprechen, deren geniales Moment darin besteht, dass aus einer Not die Tugend wird. Ein schneller Blick auf den Immobilienmarkt verrät, wo in diesem Fall die Not ist: Was Mietpreise angeht, ist laut einer Information des Immobilien-Portals „immobilienscout24“ München der Spitzenreiter mit derzeit durchschnittlich über 15 Euro Miete pro Quadratmeter für Wohnungen. Auf dem zweiten Platz liegt Frankfurt (über 12 Euro), Platz drei bekleidet Stuttgart mit nur wenig Abstand, gefolgt von Heidelberg, Ingolstadt, Hamburg, Düsseldorf (über 11 Euro) sowie Wiesbaden, Berlin und Offenbach am Main (über 10 Euro). Im Umland der Städte sieht es nicht viel besser aus: Wer sich die Stadt nicht mehr leisten kann, zieht eben raus aufs Land, wo mit etwas Zeitversatz dann wiederum der Wohnraum knapp und somit teuer wird. Nachdem die Preise für gewerbliche Immobilien denen von privaten, wenn auch zeitversetzt, folgen, ist die Rechnung einfach: Auch Geschäftsleute trifft es in München, Frankfurt und Stuttgart und dem Umland am stärksten mit den Kosten für die Firmenräumlichkeiten.
Die ersten, die unter einer derartigen Entwicklung leiden, sind traditionell freiberufliche Einzeltäter, kleine Startups, Mini-Firmen oder Kreativschaffende. Die sind verdienstmäßig eher am unteren Ende der Fahnenstange zugange, außerdem sind kleine Büroräume im moderaten Preissegment selten geworden wie der sprichwörtliche Sechser im Lotto. Die Folge ist, dass sie ihren Arbeitsplatz oft in der eigenen Wohnung unterbringen und diese der Nabel des Alltags wird. Aufstehen, aus dem Schlafzimmer in die Küche für ein schnelles Frühstück, kurz unter die Dusche und dann zurück ins Schlaf-, Wohn- oder sogar Arbeitszimmer an den Schreibtisch. Was zunächst nach Freiheit und Selbstbestimmung klingt, bedarf in Wirklichkeit eines hohen Maßes an Selbstdisziplin. Was natürlich viele Vorteile hat – die Wäsche lässt sich in einer kurzen Pause erledigen, der Abwasch ebenfalls –, birgt auch Gefahren: Wer buchstäblich im Büro wohnt, sieht die Arbeit jederzeit vor sich und riskiert, dass der Lebenswandel eine Art Melange aus Dienst- und Privatleben wird. Die Qualität von beiden wird erheblich gemindert – kurz: Die Lebensqualität kann sinken.

 

Raus aus der Blase und zurück ins soziale Arbeitsleben

Hinzu kommt ein wesentlicher Aspekt: Das Leben in der Blase führt zur Isolation, beruflich wie privat. So nervig dienstliche Meetings und Vor-Ort-Termine sein können, so wertvoll sind sie, um beispielsweise den Grundstein für neue Aufträge zu legen, um Kollegen und Kunden kennenzulernen oder neue Möglichkeiten zur Zusammenarbeit aufzutun. Diese soziale Seite des Bürolebens, die viele Angestellte vor allem in arbeitsreichen Zeiten verwünschen dürften, fällt nun weg – dabei kann sie sehr wertvoll sein. Auch private Beziehungen leiden darunter, dass die Arbeit zu Hause ständig präsent ist und der oder die Selbstständige praktisch nie frei hat. Der Gedanke liegt also nahe, dass es ein freiberuflich agierender Einzeltäter war, der sich nach ein paar Jahren im Homeoffice an die positiven Seiten seiner Zeit im Angestelltenverhältnis erinnerte. Und prompt auf die Idee mit dem Coworking kam. Vielleicht hat es aber auch gar keiner erfunden, sondern es hat sich einfach so ergeben.
Fakt ist, dass der Trend aus den USA kommt, wo die Immobilienpreise in den Metropolen bekanntermaßen schon ein wenig langfristiger und rabiater durch die Decken gehen. Dort taten sich als erstes so genannte Coworking Spaces auf, also ziemlich große und offene Büros, die Freiberufler, Künstler, Programmierer, Filmschaffende oder neugegründete Firmen mieteten und die nötige Infrastruktur gemeinsam bezahlten. Der nächste Schritt war, dass gewerbliche Anbieter Coworking Spaces auf dem Markt anboten – oftmals in raumgreifenden, prestigeträchtigen Bürokomplexen, bei denen sich Immobilienhändler schwer taten, potente Einzelmieter zu finden. Sie stellten Arbeitsplätze, Internet-Anschluss, das Netzwerk, Drucker, Kopierer, Telefon, Besprechungsräume, Beamer für Präsentationen und vermieteten die Arbeitsplätze einzeln. Eine großartige Geschäftsidee, wie sich herausstellte: Die Büros füllten sich schreibtischweise – aus nebeneinander koexistierenden Einzeltätern wurden Bekannte und im Idealfall sogar Kollegen. Denn wo lässt sich schneller ein passender Webdesigner für das anstehende Projekt finden als an der Kaffeemaschine in der Küche?
Stichwort „Kaffeemaschine“: Den leise vor sich hinbrodelnden Maschinen und den Räumen, in denen sie stehen, kommt eine wichtige Bedeutung innerhalb von Coworking Spaces zu: Hier lernen sich die Arbeitsplatz-Mieter ungezwungen kennen und werden womöglich sogar zu „richtigen“ Kollegen für das nächste Projekt. Übrigens: Dass dienstlichen Verbindungen heute nur noch auftragsweise geschlossen werden und folglich die Schreibtisch-Miete täglich, monatlich oder wiederum projektgebunden einem festen Mietverhältnis vorgezogen wird, mag ein Zeichen der Zeit sein. Die Unverbindlichkeit in der Auftragsvergabe an Freelancer anstatt an hauseigene Abteilungen schlägt sich eben mittlerweile im in einer ganzen Berufsgruppe nieder.

 

Die überschaubaren Kosten als größter Vorteil

Außer, dass an Kaffeeautomaten berufliche Einzelkämpfer zusammenfinden und als Team größere Aufträge annehmen können, besteht der große Vorteil für die Nutzer von Coworking Spaces in den überschaubaren Kosten. Zwar ist es von der Lage und der Beschaffenheit der Räumlichkeiten abhängig, wie hoch die Stunden-, Tage-, Wochen- oder Monatsmiete ausfällt. Allerdings bewegen sich die Kosten für einen eigenen Schreibtisch außer Haus gewöhnlich weit unter denen für ein eigenes Büro. Diese Tatsache machen sich auch große Firmen zu Nutze und lagern Arbeitskräfte, die sie saisonal oder nach Auftragslage beschäftigen, in Coworking Spaces aus.
Das gilt besonders für eine besondere Spielart des Coworking, nämlich die FabLabs. Damit werden Coworking Spaces bezeichnet, die über die gängigen Büroeinrichtung hinaus spezielle Geräte, etwa aus dem High-End-Bereich, verfügen. Sie können für Unternehmen interessant sein, die ein neues Produkt erforschen oder einen neuen Geschäftsbereich ausprobieren möchten, ohne in kostspielige Spitzentechnologie wie etwa Laser, 3D-Drucker, Plotter, Großrechner oder Filmstudios investieren zu müssen. „FabLabs“ sprechen deshalb eine spezielle Klientel an, die wiederum von der losen Zusammenarbeit profitieren kann. Neue Erkenntnisse können geteilt und das erworbene Wissen so sprunghaft vermehrt werden.

 

Nicht nur eine Sache der hippen Metropolen

Zwar sitzen die großen Coworking-Anbieter naturgemäß in den Ballungsräumen. Dennoch fällt die Idee des interdisziplinären Zusammenarbeitens auch in ländlichen Regionen auf fruchtbaren Boden. Mit der Zeit haben sich je nach den Bedürfnissen der einzelnen Gebiete die unterschiedlichsten Angebote entwickelt: So gibt es spezielle Workspaces für handwerkliche Berufe inklusive der nötigen Gerätschaften für Schneider, Restaurateure oder Architekten – oder auch helle, ruhige Räumlichkeiten in Hinterhöfen von alten Patrizierhäusern in Kleinstädten für Agenturen, Veranstalter und Journalisten. Manche Anbieter konzentrieren sich auf prestigeträchtige Design-Büros, andere auf verlassene Lagerhallen, die sie zu Kreativ-Quartieren mit Ateliers und Studios umbauen. Wieder andere Anbieter haben das Geschäft mit leeren Arbeitsplätzen im Visier: Ist ein Kollege länger im Urlaub, können Firmeninhaber mit seinem vorübergehend verwaisten Schreibtisch Geld verdienen – es gibt, wie gesagt, kaum einen Ort in Deutschland, an dem kein Bedarf an flexiblen Arbeitsplätzen besteht.
Ein Blick auf die Zahlen bestätigt dies: Momentan gibt es in Deutschland circa 1,3 Millionen Freiberufler, hinzu kommen über 300 000 neue Startups jährlich sowie gut zwei Millionen expandierende Kleinunternehmen. Daraus errechnen sich ständig mehrere hunderttausend Menschen, die in der Bundesrepublik einen Schreibtisch benötigen. Kein Wunder, dass sich auf dem Markt einiges tut: „shareDnC“ hat sich zum hierzulande größten Vermittler von Arbeitsplätzen etabliert. Die Kosten für einen solchen belaufen sich dort je nach Region zwischen 100 bis 400 Euro monatlich. Eine Übersichtskarte zeigt jede Menge Standorte in und rund um Hamburg, Berlin, Magdeburg, Hannover, Frankfurt am Main, Düsseldorf, Köln, Bonn, Wuppertal, Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, München oder Nürnberg – Tendenz steigend.

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