Die Akte liegt auf dem Schreibtisch und der Ordner, in den sie abgelegt gehört, steht im Büro hinter dem Rücken. Es braucht keinen unbedingt faulen Mitarbeiter in dieser Situation, um zu sehen, dass er nicht aufsteht, um den Ordner zu holen. Ein wohldosierter Abstoß mit beiden Beinen ist schließlich viel lustiger, um rückwärts auf das Regal zuzusausen. Sportliche nehmen den Weg zurück genauso – das Kind im Manne beziehungsweise in der Dame will schließlich auch im trockensten Arbeitsalltag ein wenig gepflegt werden. Wie alles, was Spaß macht ist aus diesem Prinzip ein Sport geworden: eine Gaudi-Disziplin.

Über den globalen Siegeszug der Gaudi-Sportart „Bürostuhlrennen“

Über André Franquin, den großen frankobelgischen Comiczeichner und Schöpfer so genialer Serien wie „Spirou und Fantasio“, „Marsupilami“ oder „Gaston“ ist bekannt, dass er über einen anarchistischen Humor verfügte. Insofern war der Antiheld Gaston sein wichtigstes Werk: Franquin verewigte in den Erlebnissen des nach herkömmlichen Maßstäben fürchterlich unproduktiven und nichtsnutzigen, aber dafür umso kreativeren Büroboten ein bisschen sich selbst. Während Gaston der herkömmlichen Benutzung von Büromöbeln eher ungerührt gegenübersteht, entwickelt er geradezu sportlichen Eifer, wenn es um deren Zweckentfremdung geht. Er baut ihnen einen Pedalantrieb ein, erfindet Sitzschalen, mit denen er Geländer herunterfahren kann, erfindet einen Hängestuhl-Transportsystem für verzweigte Bürogebäude – und tritt während der Dienstzeit gern in einer Büro-Sportart gegen die Stoppuhr an: dem Bürostuhl-Rollern.
Was schon vor Jahrzehnten dem Genie eines einzigartigen Künstlers entsprang, ist heute Realität: Bürostuhlrennen existieren als weltweit gepflegte Spaß-Sportart. Doch von vorn. Während Gaston mit einem Bein auf der Sitzfläche des Stuhles knien und sich mit dem anderen Fuß abstoßen und so um die Wette durch die Bürogänge flitzen, beschränkt sich die „tatsächliche Sportart“ auf zwei Prinzipen: das Ausnützen der Schwerkraft und die Minimierung von Wiederstand, ähnlich dem Prinzip eines Seifenkistenrennens oder das Sprint-Anschieben in der Ebene – beziehungsweise einer Mischung aus beidem. Dieses Ergebnis zumindest liefert eine ausufernde Recherche in den Tiefen der Suchmaschinen, teilweise unter Zuhilfenahme einer chinesischen Tastatur. Denn wen wundert’s wirklich? Bürostuhlrennen sind in China ein ganz großes Ding. Als Erfinder werden unzuverlässigen Quellen zufolge allerdings die Japaner genannt. Bis vor ein paar Jahren richtete ein Team in Bad König im schönen Odenwald eine Deutsche Meisterschaft aus, die es international in die Medien schaffte. Im kalifornischen San Clemente zeigt man sich entspannt und lässt auch Longboards und bereifte Couches zum Rennen zu. Wie in allen anderen Lebensbelangen zeigen sich die Briten auch diesem Kuriosum nicht abhold und auch in Australien, Frankreich, Schweden oder Spanien gibt es Turniere, bei denen das geschwinde Vorankommen auf einem Arbeitsmöbel im Vordergrund steht.

Verschiedene Varianten und ein international erstaunlich ähnliches Regelwerk

Ob nun abschüssig oder in der Ebene: Die tollkühnen Damen und Herren treten auf ihren rollenden Möbeln gegeneinander an und versuchen, so schnell wie möglich über die Ziellinie zu kommen. Anders als bei den meisten anderen Sportarten ist Tuning beim Bürostuhlrennen ausdrücklich erlaubt und es bleibt der Phantasie und dem handwerklichen Geschick der Teilnehmer überlassen, wie sie ihren Stuhl zur rollenden Racing-Boliden umbauen.
Nun besteht ein Bürostuhl bekanntlich aus einer Lehne, eventuell Armlehnen, einer drehbaren Sitzfläche, einer höhenverstellbaren Hauptsäule und einem Drehkreuz, an dem je nach Modell vier oder fünf Rollen befestigt sind. Die Rollen dürfen den meisten Regelwerken zufolge keinen größeren Durchmesser als 20 Zentimeter haben, müssen frei beweglich sein und dürfen selbstredend über keinen Antrieb verfügen. Es geht das Gerücht, dass ein besonders ehrgeiziger Bürostuhl-Pilot sein Gefährt mit Raketen ausgestattet haben soll und zwischenzeitlich in der Erdumlaufbahn einen Parcours um Satelliten fliegt. Es geht außerdem das Gerücht um, dass mindestens der zweite Teil des Gerüchts auch wirklich ein Gerücht ist.

Schreibtischstuhl-Tuning ist ausdrücklich gestattet

Gesteuert wird der Bürostuhl tatsächlich durch bloße Gewichtsverlagerung und hier fängt der Spaß an. Wer sich jemals auf einem Bürostuhl durch den Raum gerollt und versucht hat, kontrolliert eine Kurve zu kriegen, weiß, dass das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Entsprechend spektakulär sind die Verrenkungen der Rennpiloten und mindestens genauso die meisten Versuche, mit den Füßen die Rollrichtung zu beeinflussen. Ob auf dem Stuhl gesessen, bäuchlings oder rücklings gelegen wird, ist egal: Entsprechend vielfältig sind die Auswüchse skurriler Körperhaltungen bei den Ausscheidungskämpfen, die meistens dem KO-Prinzip folgen. Apropos „KO“: Die aktive Einflussnahme auf die Kontrahenten ist ebenfalls verboten, heißt es in den meisten Regelwerken. Auf gut Deutsch: Wer seinen Mitbewerber aus dem Weg tritt, ihn im Vorbeifahren vertrimmt oder aktiv auf die Fahrtrichtung des gegnerischen Gefährt Einfluss nimmt, wird disqualifiziert.
Eine beliebte Tuning-Maßnahme ist die Gewichtserhöhung, wobei hier Augenmaß gefragt ist: Werden zu viele Handelscheiben am Drehkreuz befestigt, nimmt das Gefährt zu langsam Fahrt auf – sind es zu wenige, werden kostbare Sekunden verschenkt. Besonders beliebt bei den Bürostuhlpiloten: Besonders breite „orthopädische“ Bürostühle, die deutlich mehr Laufruhe aufweisen als das Einstiegsmodell. Als weitere probate Maßnahme erweist sich ein Bürostuhlrollen-Tausch, ein Lager-Upgrade oder einfach nur viel, viel gutes Schmiermittel.
Ganze 35 bis 40 Stundenkilometer kann ein so getunter Bürostuhl schaffen; entsprechend ist ganz ernsthaft eine Schutzausrüstung vorgeschrieben oder wenigstens dringend empfohlen. Helm, Ellbogen-, Knie- und Handgelenks-Schützer sind ebenso üblich wie Handschuhe. Nimmt man an, dass ein normaler Bürostuhl mit einer durchschnittlichen Sitzhöhe von 50 bis 70 Zentimeter einen nennenswerten Fall ermöglicht, wird sogar zum Integralhelm geraten. Denn wenn eines sicher ist: Stürze sind bei den Rollbewerben selbstverständlich und oftmals ausgeklügelter Teil einer Art zum Scheitern verurteilten Choreographie – die allein dem Zweck der Publikumsbelustigung dient.

Bürostuhl-Rennen, Extrembügeln und Moorschnorcheln

Glaubt man einem Buch über Fundraising-Ideen, gibt es sogar Bürostuhlrennen-Weltmeisterschaften – und im Übrigen auch global ausgerichetete Turniere im Wurmausgraben, Extrembügeln, Schienbeinkicken (!), Käserollen, Moorschnorcheln, Brennnesselessen – wobei es bei letzterer Disziplin hoffentlich darum geht, nur den Namen des Sports richtig zu schreiben. Wie bei allen Gauditurnieren geht es beim Bürostuhlrennen aber vor allem um Spaß. Entsprechend können lokale Ausrichter ihre eigenen Regeln festlegen und etwa Anschiebe-Personal erlauben, einen Parcours aus Wasserautomaten, Kopierern, Topfpflanzen und Papierkörben in den Weg bauen oder ganz im Sinne von Gaston ein Tretstuhl-Rennen austragen – erlaubt ist, was gefällt, Laune macht und die Zweckentfremdung von rollenden Drehstühlen in den Mittelpunkt rückt.