Die Annahme, dass die Büroarbeit weitgehend ohne Belastungen auskommt, kann getrost ins Reich der Legenden verbannt werden. Es genügt ein Blick auf aktuelle Zahlen zu arbeitsplatzbedingten Rückenbeschwerden, Augenproblemen oder Stress-Symptomen, um festzustellen, dass Bürojobs gar nicht so gesund sind. Durch ein günstiges Arbeitsumfeld können Probleme aber vermieden werden. Es hat nicht nur Auswirkungen auf die Psyche und vermittelt Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch direkt auf Produktivität und Kreativität aus. Wer im Büro mitreden kann oder sich zu Hause ein Homeoffice einrichtet, kann sich in Sachen „Einrichtung“ auch bei der chinesischen Harmonielehre „Feng Shui“ Anregungen holen.

Die Karriere im Fluss

Sei es der grundsätzlich härter gewordene Arbeitsmarkt, die gestiegene Konkurrenzsituation unter Kollegen oder die Angst vieler Berufstätiger vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Sei es eine gute Auftragslage, saisonale Überlastung, eine dienstliche Herzensangelegenheit oder die Aussicht auf Provisionen oder Beförderungen – Tatsache ist: Die rund 18 Millionen Bildschirmarbeitsplätzen in Deutschland sind immer öfter immer länger besetzt. Dass die durchschnittliche Arbeitszeit steigt und der Feierabend immer öfter zur gut gemeinten Empfehlung als zum ehernen Gesetz wird, macht den Arbeitsplatz zunehmend zum Lebensmittelpunkt von Arbeitnehmern.

Dabei richten viele mehr Augenmerk auf die Gestaltung der heimischen Wohnräume als auf die des Arbeitsplatzes – eine Tatsache, die auch noch irgendwie logisch ist. Natürlich kümmert man sich lieber um Behaglichkeit in den eigenen vier Wänden, weil man dort auch viel lieber Zeit verbringt. Die Tatsachen sehen aber meistens so aus, dass viele Arbeitnehmer – vor allem Pendler – ihr heimisches „Nest“ unter der Woche nur zum Schlafen sehen und den lieben langen Tag im Betrieb verbringen. Nun gibt es natürlich Arbeitgeber, denen daran gelegen ist, dass sich ihre Mitarbeiter im Betrieb wohlfühlen. Sie sorgen zum Beispiel mit ansprechenden Büroräumen, kleinen Extras wie einem Fitnessraum, einer Ruhezone oder hausgemachtem Catering nicht nur für gutes Betriebsklima, sondern auch zu einer engen Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Bindung.

Vielen Arbeitgebern ist das Arbeitsumfeld ihrer Angestellten aber auch relativ egal: Der sogenannte Sozialraum ist ein fensterloser Raum mit Küchenzeile, am Besten noch mit Blick auf die Toiletten. Lieblos eingerichtete, mehr auf Funktionalität als auf Wohnlichkeit getrimmte Büroräume und als optischer Höhepunkt die von daheim mitgebrachte Zimmerpflanze neben den Rechnern. So blicken zahllose Büroarbeiter den ganzen Tag auf offen herumliegende Kabelwürste, Aktenberge und den gemeinsamen Kopierer oder Drucker als Mittelpunkt eines Großraumbüros.

Über 2000 Stunden im Jahr verbringt der Durchschnittsarbeitnehmer am Arbeitsplatz. Bei so viel Lebenszeit lohnt es sich schon, sich über das Wie und Wo des Ortes Gedanken zu machen. Nun sehen Chefs es erfahrungsgemäß nur ungern, wenn Ihre Angestellten mit einem Innenarchitekten am Arbeitsplatz erscheint und eigenmächtig Umbauten nach „Feng Shui“ vornimmt. Auch im Homeoffice oder im Büro des Freelancers zeigen die vorhandenen Gegebenheiten sowie das liebe Geld die eine oder andere Grenze auf. Entsprechend dürfen die folgenden Ratschläge eher als Annäherung denn als eine Blaupause für den perfekten Arbeitsplatz verstanden werden. Probieren Sie es trotzdem aus: Ein Arbeitsplatz mit gutem „Feng Shui“ kann auch durch das Verändern kleiner Details und in einer Annäherung an das große Ganze entstehen.

„Feng Shui“: Worum geht’s überhaupt?

Worum es, stark vereinfacht ausgedrückt, geht: Die uralte, überlieferte chinesische Harmonielehre „Feng Shui“ steht für das Zusammenspiel von Wind (Feng) und Wasser (Shui) und der den Kosmos durchdringenden Energie „Chi“. Die Kunst, jene Energie im Fluss zu halten, ist das grundsätzliche Ziel. Sie soll über das Gleichgewicht der fünf Elemente des „Feng Shui“ – Feuer, Erde, Wasser, Metall und Holz – erreicht werden.
Holz für aufstrebende Elemente wie Säulen, Zimmerpflanzen oder Pfeiler und die Farbe Grün; Wasser für Badewannen, Aquarien, Brunnen und blaue Farbtöne; Feuer steht für Lampen, Licht und dreieckige Formen und rote, gelbe oder orange Farben; Erde steht für schwere Möbel oder Objekte aus Ton oder Keramik sowie die Farben Gelb oder Braun; Metall steht selbstverständlich für Selbiges sowie für runde Formen und kühle Farben wie Weiß, Grau, Gold oder Silber.

Auf die Gegend und die Lage und die kommt es an

Ein guter Arbeitsplatz, heißt es, liegt in einer blühenden Geschäftsgegend. Da, wo Energien fließen und Kreativität blüht, ist auch ein Büro gut aufgehoben. Zu meiden sind nach Meinung der „Feng Shui“-Fachleute Gebäude an Kreuzungen oder Räumlichkeiten, die vom Vorbesitzer wegen schlechter Geschäfte aufgegeben werden mussten. Ein gutes Büro sollte über wenig Ecken, Vorsprünge und Kanten, sondern vielmehr über klare Formen und Flächen verfügen. Ungut sollen sich auch Dachschrägen und dunkle Deckenbalken auswirken – die Redewendung von der „gedrückten“ Stimmung ist also auch im Hinblick auf die Architektur wahr. Und wer arbeitet schon gern mit eingezogenem Kopf zwischen den Schultern?
In einem guten Büro kann Luft ungehindert zirkulieren, entsprechend sollten Arbeitsräume grundsätzlich gut belüftet werden können. Stetiger Durchzug ist dabei allerdings zu meiden; regelmäßiges Lüften wirkt sich deutlich besser aufs „Feng Shui“ aus. Auch das Licht spielt eine wichtige Rolle: Arbeitsräume sollten nach herrschender Meinung geradezu von Licht durchflutet sein. Nachdem sich aber nur wenige Bürobesitzer ein vollverglastes Loft an der Upper Eastside leisten können, kann hier auch auf künstliches, tageslichtähnliches Licht zurückgegriffen werden.

Mit dem Rücken zur Wand, die Fenster im Blick

Nach „Feng Shui“ erfordert Kreativität eine Umgebung, die Reizüberflutung ausschließt. Sowohl mit Farbe als auch mit der Möblierung lässt sich eine harmonische Ruhe im Raum erzeugen. Dezente, freundliche Farben, die sich nicht aufdrängen, sorgen für eine angenehme Atmosphäre und sind somit die richtige Wahl für einen Arbeitsraum. Ruhe lässt sich auch mit der richtigen Anordnung von Möbeln erzeugen. Ein klar strukturiertes, ordentliches Raumkonzept mit entsprechend abgestimmten Möbeln sorgt für den richtigen Energiefluss. Vor Türen und in Durchgängen sollten ebensowenig Objekte wie Papierkörbe oder Roll-Container stehen wie Möbel in Glastüren hineinragen sollten. Anders ausgedrückt: Die Energie sollte ungehindert durch die Türen und Räume in Richtung Fenster und Balkontüren fließen können.
Schreibtische und Arbeitsplätze sollten derweil so aufgestellt werden, dass der Rücken des Mitarbeiters zur Wand zeigt und der Blick jederzeit frei durch den Raum durch ein Fenster nach draußen schweifen kann. Damit sich der Blick nicht an Papierstapeln und sonstigen Objekten verhaken kann, empfiehlt es sich, die Oberflächen der Schreibtische möglichst frei zu halten – und alle Arten von Ablagen hinter geschlossene Türen zu verbannen. Ein Büro mit gutem „Feng Shui“ hat daher jede Menge geschlossene Schränke und Regale. Der Effekt ist recht einleuchtend: Die äußerliche Ordnung soll zu großer innerlicher Ruhe führen – und die wiederum zu mehr Konzentration und Produktivität.

Bestehende Arbeitsplätze mit Feng Shui optimieren

Nun können sich die wenigsten Büroarbeiter ihr Büro, die Einrichtung oder ein Farbkonzept aussuchen – geschweige denn, das Haus oder die Gegend in der sie arbeiten. Jedoch lässt sich auch einem bestehenden Arbeitsplatz mit ein paar Kniffen zu einem besseren „Feng Shui“ verhelfen. Folgendes Beispiel: Ein Schreibtisch-Stuhl in Knallrot, ein Poster von einem springenden Delfin im krachblauen Meer, eine wild bestückte Pinnwand neben dem Fenster, ein weißer Tisch, bunte Ordner und Bücherrücken im Regal? Eine gewisse Farbenvielfalt in allen Ehren – aber ruhige Farbgestaltung ist etwas anderes. Weil sich der Bürostuhl schwieriger austauschen lässt als ein Poster: Der Delfin und sein Meer müssen weichen und die Ordnerrücken bekommen gleichfarbige Etiketten verpasst, entweder in der Farbe des Schreibtisches oder des Bürostuhls. Bunte Bücherrücken-Wände und lose Blattsammlungen verschwinden am besten hinter Schranktüren mit einer glatten, ruhigen Oberfläche – falls das nicht möglich ist, werden die Bücher eben nach Farben sortiert. Dem bunten Zettelmix vom abgelaufenen Rezept bis zum aktuellen Speiseplan auf der Pinnwand tut es ganz gut, wenn er von Zeit zu Zeit ausgekämmt wird. Die verbleibenden wichtigen Notizen wirken ruhiger, wenn sie in geradlinigen Formen angeheftet werden. Wer’s ganz genau nehmen will, kann auch alle Notizen auf den gleichen Zetteln mit dem selben Stift notieren – auch dieser einfache Kniff lässt optische Ruhe auf dem Nadel-Brett aufkommen. Kurz: Sorgen Sie für ein ruhiges Arbeitsumfeld in Farbe und Form. Und nicht zuletzt zahlt sich Ordnung aus: Wer sich von unnötigen Dingen trennt, vermindert nicht nur lästige Sucherei, sondern begünstigt einen ablenkungsfreien Arbeitstag.