Buchstäblich Jacke oder Hose, um welche Anschaffung es geht: Irgendwann stellt sich immer die Materialfrage. Was darf’s sein: Naturerzeugnis oder Kunststoff, Original oder Imitat? Vor allem, wenn es um Leder geht, scheiden sich die Geister. Nur der Blick aus den Augen eines Tierschützers macht die Überlegung zu einem einfachen Thema. Für Leder müssen Tiere ihr Leben lassen und das ist inakzeptabel, Punkt. Auf der anderen Seite haftet Kunstleder bis heute ein schlechter Ruf an. Man schwitze damit leichter, heißt es zum Beispiel, es fühle sich billig an und halte auch weniger aus als echtes Leder. Stimmt das?

Die Vorurteile im Visier

Es wäre eigentlich die Sache von Wissenschaftlern, sich diesem Thema erschöpfend zu nähern. Doch auch ohne Reagenzglas oder Bunsenbrenner lassen sich ein paar wesentliche Hinweise auf die Unterschiede zwischen Leder und Kunstleder finden, die wiederum zu ihren Vor- und Nachteilen führen. Schon ein kleines bisschen Materialkunde hilft da zum Beispiel enorm. Besonders interessant ist das Thema „Leder oder Kunstleder“ selbstverständlich, wenn es um seine Verwendung als Obermaterial von Möbeln geht. Zwar ist eine Lederjacke oder ein Paar echter Lederschuhe auch eine Anschaffung für viele Jahre, die entsprechend ins Geld geht. Doch unterm Strich ist Kleidung ja auch immer Modeerscheinungen unterworfen.
Anders stellt sich die Lage bei Möbeln dar. Die Chesterfield-Couch, das Bauhaus-Sofa oder der Clubsessel sind Klassiker, die sich beinahe in jedem Kontext gut machen. Auch im Büro hat sich Leder vor allem in den Chefetagen durchgesetzt: Der Chefsessel, der Konferenzstuhl oder der High-End-Bürostuhl wirkt gleich um ein Vielfaches edler, wenn er nicht nicht mit Kunststoff, Polster oder Netzstoff bezogen ist, sondern mit Leder. Oder eben Kunstleder. Optisch unterscheiden lassen sich die beiden Materialien längst nicht mehr. Vorbei die Zeiten, als man Kunstleder aus drei Metern Entfernung gegen den Wind ansah, dass einer seiner Bestandteile eine Kunststoffverbindung ist. Mittlerweile ist es den Kunstleder- Fabrikanten gelungen, die natürliche Narbenstruktur von echtem Leder täuschend zu kopieren. In allen anderen Punkten unterscheiden sich Original und Nachbildung jedoch grundlegend.

Ein genauer Blick aufs Original

Leder ist ein Naturprodukt. Genauer gesagt, handelt es sich um Tierhaut, die durch einen chemischen Vorgang haltbar gemacht wird. Es wird aus der so genannten Lederhaut eines Tieres gewonnen, indem diese gegerbt wird. Bei dem Vorgang wird aus der verderblichen Haut, die den natürlichen Abbauprozessen unterliegt, ein dauerhafteres Produkt geschaffen. Nach dem Gerben hat das Leder eine glatte und eine raue Seite. Die glatte wird als „Narbenseite“ bezeichnet und hat eine feine, individuelle Oberflächenstruktur. Ihre Kehrseite, die „Fleischseite“, hat eine rauere Oberfläche.
Erst während der Weiterverarbeitung bekommt Leder jenes Aussehen, das man durch seine Verwendung für Kleidung, Möbeln oder Schuhen her kennt. Für Nubukleder zum Beispiel wird die Narbenseite des Leders mit einem ganz feinen Schleifpapier angeraut, für Veloursleder hingegen wird die Fleischseite angeschliffen. Für eine Glattlederjacke würde der Werkstoff mit mehreren Schichten Bindemitteln, Pigmenten und Additiven besprüht und anschließend gebügelt, poliert oder gestoßen, damit die Beschichtung fest auf dem Leder verankert ist. Mit dieser Behandlung wird es widerstandsfähiger und kann sowohl matt bleiben als auch mit Glanz versehen werden. Für Lackleder braucht es eine andere Behandlung: Mit Hilfe von Öllack, Kaltlack oder Folienlack wird aus Leder glänzendes Lackleder. Dass das Naturprodukt Leder bei den meisten immer noch hoch im Kurs steht, ist auch mit Blick auf die Vergangenheit zu erklären: Seine Historie ist eng mit der Geschichte der Menschheit verbunden. Neben Holz, Stein und Wolle ist es eins der am frühesten verwendeten Materialien überhaupt und diente dem Menschen in vielerlei Hinsicht: als Material für Schuhe, Kleidung und Waffen sowie als Werkstoff für Taschen und Schmuck, als Bezug für Truhen und Schatullen oder Möbel. Nicht selten auch als Stoff für Behausungen – die bekannteste dürfte das „Tipi“ sein, ein Zelt aus Hirsch- und Büffelleder, das den Urbewohnern Nordamerikas vergleichsweise einfach auf- und abgebaut werden konnte.

Ein genauer Blick auf die Kopie

Vergleichsweise jung dagegen ist Kunstleder. Da die Produktionskosten für Leder recht hoch sind, haben findige Menschen schon recht früh versucht, ein Substitut für echtes Leder zu erschaffen. Erst mit den Möglichkeiten moderner Chemie ist es möglich geworden, ein Produkt zu schaffen, das dem Naturprodukt gleicht – in seinen Eigenschaften aber grundsätzlich anders ist.
Das liegt vor allem daran, dass Kunstleder ein Verbund aus einem textilen Grundträger, also einem maschinell gewebten Tuch, und einer Deckschicht aus Kunststoff ist. Für das Gewebe werden entweder natürliche Fasern verwendet oder aber künstliche und bisweilen sogar Mischformen daraus. Die Beschichtung besteht entweder aus Weich-PVC oder aus Polyurethan. Damit das Kunstleder auch im Griff seiner Vorlage nahekommt, wird die Beschichtung chemisch geschäumt beziehungsweise mechanisch aufgerührt. Kunstleder begleitet den Menschen bei weitem noch nicht so lange wie Leder, nämlich seit erst seit Jahrzehnten. Den Versuch, an eine günstige Alternative zu kommen, gibt es aber wohl schon länger, wie ein Blick in den Klassiker „Mercks Warenlexikon“ verrät. In der dritten Auflage des „Nachschlagewerks der Warenkunde für Handel, Industrie und Gewerbe“ von 1884 ist unter dem Eintrag „Ledersurrogate“ Folgendes zu finden: „Es sind dies Kunstprodukte, welche das Leder ersetzen sollen. Man hat sich schon seit langer Zeit bemüht, solche herzustellen, ohne daß es gelungen wäre, ein allen Anforderungen genügendes Fabrikat zu erfinden und namentlich gewisse Ledersorten zu ersetzen.“
Dieser wenig schmeichelhaften Beschreibung folgt die Einschränkung, dass immerhin einige Surrogate hervorgebracht wurden, die wenigstens in gewissen Fällen Leder ersetzen beziehungsweise, was die Widerstandsfähigkeit gegenüber Wasser und Witterung anbelangt, sogar noch übertreffen können.

Standoff: Ein Vergleich der beiden Materialien

Womit wir schon knietief in den Unterschieden der beiden optisch ähnlichen und inhaltlich doch grundverschiedenen Produkte wären. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Struktur kommen die beiden Materialien unterschiedlich mit Wasser, Feuer oder mechanischer Einwirkung zurecht.

Wasser
Während Kunstleder als beinahe wasserdicht gelten darf, was vor allem auf die Kunststoffbeschichtung zurückzuführen ist, durchdringt Nässe echtes Leder durch seine natürlichen Poren. Bis zu einer bestimmten Menge Wasser passiert natürlich nichts, aber je nachdem, wie kräftig Flüssigkeit auf das Naturmaterial einwirkt, geht’s irgendwann durch.

Mechanische Einwirkung
Je nach Herstellungsvorgang und Güte des Kunstleders ist es beinahe unverwüstlich. Weder verändert es seine Form bei starker mechanischer Einwirkung, noch ist es – außer natürlich unter Zuhilfenahme von spitzen Gegenständen – mit normaler Kraft zu durchstoßen. Echtes Leder hingegen verliert vergleichsweise schnell seine Form, gibt unter Zug nach und verbeult bei einseitiger Abnutzung.

Feuer
Kunstleder hält zwar Körperwärme und auch Sonneneinstrahlung bis zu einem bestimmten Punkt gut aus, ist aber relativ früh entflammbar. Eine Zigarettenglut würde es nicht überstehen, mit einem handelsüblichen Feuerzeug kann man es in Brand setzen. Bei echtem Leder kommt hingegen sogar ein Bunsenbrenner an seine Grenzen: Sogar in höchste Temperaturbereichen glimmt es allenfalls – stinkt dabei aber fürchterlich.

Pflege
Flecken gegenüber sind beide Materialien in etwa gleich unempfindlich. Beinahe jeder Schmutz und Rückstände von Flüssigkeiten lassen sich mit dem richtigen Hausmittel sowohl aus Kunstleder als auch aus echtem Leder herauskriegen. Kunstleder erweist sich unterm Strich als pflegeleichter: Echtes Leder braucht von Zeit zu Zeit eine Behandlung mit Öl oder Wachs, damit es seine Geschmeidigkeit nicht verliert.

Komfort
Das bekannteste Vorurteil gegenüber Kunstleder lautet: Man schwitzt leichter. Hier lautet die Regel eindeutig: Je billiger das Kunstleder gemacht ist, desto eher stimmt diese Annahme. Schuld ist daran der verwendete Kunststoff in der Beschichtung, der zwar Wasser nicht ins Gewebe, dafür aber auch keine Luft hinauslässt. Was den Griff angeht, hat sich mittlerweile einiges getan. Während man vor gut zehn Jahren Kunstleder meistens noch sehr einfach per Gefühl erkennen konnte, ähneln sich Original und Nachbildung durch die modernen Verfahren verblüffend.

Ökologische Bewertung
Eine seriöse Beurteilung, welches Material die Umwelt mehr beansprucht, ist nicht möglich. Die Verfahren, mit denen Leder und Kunstleder hergestellt werden, sind zu unterschiedlich – das sagen sogar die Spezialisten. Für die Produktion von Kunstleder werden Chemikalien benötigt, jede Menge Wasser und natürlich der Hauptbestandteil des Kunststoffs: Rohöl. Obwohl Leder ein Naturprodukt ist, fallen auch bei seiner Herstellung jede Menge Schadstoffe an: Bei der Zucht der Tiere werden Abgase frei, bei der Futterproduktion fallen Schadstoffe an – und bei der Verarbeitung kommt jede Menge Chemie zum Einsatz. Welches Verfahren nun schädlicher für die Umwelt ist, kommt auf den Einzelfall an. Trotz Gleichstand gibt’s einen Punktabzug für echtes Leder, weil es den Tod eines Lebewesens voraussetzt.

Preis
Was die Kosten angeht, hat Kunstleder klar die Nase vorn. Je nach Produktion und Qualität ist der Preis für Kunstleder circa 50 bis 70 Prozent unter dem für echtes Leder.

Fazit
Blickt man nüchternen Auges auf die einzelnen Faktoren, ist es kaum zu glauben, wieso Kunstleder immer noch so ein schlechter Ruf anhaftet: Es ist günstiger, widerstandsfähiger und dabei individueller herzustellen als echtes Leder. Dass man bei Kunstleder leichter ins Schwitzen kommt, mag für Schuhe und Kleidung tatsächlich von Bedeutung sein. Bei Möbeln hingegen ist dieser Punkt zu vernachlässigen; und alle anderen Punkte klare Vorteile: Stühle nutzen sich weniger ab, Couches sind leichter zu reinigen und Bürostühle optisch edel und farblich vielfältig.