Was tun, wenn’s im Büro funkt? – Wissenswertes zum Thema „Liebe am Arbeitsplatz“

Für ihn ist’s die blonde Praktikantin im Vertrieb, die immer so nett auf dem Flur grüßt, für sie ist’s dieser unterbehemdete Lieferant mit der prägnanten Kinnpartie. Die meisten Arbeitnehmer kennen dieses Gefühl, für das man jeden Tag ein bisschen lieber ins Büro geht. Ob es nun der Anfang für einen harmlosen Schwarm, einen kleinen Flirt oder gleich die große Liebe fürs Leben ist: Der Arbeitsplatz ist eine ernstzunehmende Partnerbörse in Deutschland geworden.

Jahr für Jahr lassen Meinungs- und Marktforscher die aktuellen Zahlen verlauten, wie viele Menschen sich am Arbeitsplatz gefunden, verliebt oder getrennt haben. Es genügt ein Blick auf die Erhebungen der vergangenen Jahre, um festzustellen, dass den bundesdeutschen Büros eine stetig steigende Bedeutung als Singlebörse zukommt. Während die Deutschen früher dem Thema „Liebe am Arbeitsplatz“ sehr skeptisch gegenüberstanden und zarte Gefühle am Ort der Pflichterfüllung kurzerhand zum Tabu erhoben, gelten deutsche Dienstgebäude mittlerweile wenigstens grundsätzlich als Ort, an dem sich ein Auge auf die Kollegen werfen lassen könnte. Die Gründe für dieses Umdenken sind vielfältiger Natur.

Für Liebhaber von Folgerungen: Gedankenspiele zu den Ursachen

Zum einen verbringen Arbeitnehmer immer mehr Zeit im Büro. Während früher der Feierabend heilig und der Hammer kollektiv fallen gelassen wurde, gehört es heute zum guten Ton, den Dienstschluss eher als Empfehlung denn als Gesetz zu betrachten. Als Ursache können einerseits der härter gewordene Arbeitsmarkt, die gestiegene Konkurrenzsituation von Mitarbeitern untereinander, die Angst vor dem Verlust einer Stelle und als Folge das Abrutschen ins Prekariat angeführt werden. Vor allem Letzteres greift – paradoxerweise in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs – vermehrt um sich, was Experten zufolge vor allem auf einschlägig bekannte, so genannte Reality-TV-Sendungen im Privatfernsehen zurückzuführen ist.

Es gibt natürlich auch positive Gründe, länger als vertraglich geregelt im Büro zu bleiben. Gute Auftragslage, saisonale Stoßzeiten, die eine oder andere dienstliche Herzensangelegenheit, winkende Beförderungen oder Provisionen. So oder so: Das Berufsleben rückt zunehmend auch bei Durchschnittsarbeitnehmern in den Lebensmittelpunkt. Während es noch vor zehn, zwanzig Jahren den Inhabern von Managerpositionen vorbehalten war, ihr Leben nach dem hochbezahlten Dienst auszurichten, wird „berufliche Flexibilität“ heutzutage auch von deutlich geringer entlohnten Positionen verlangt. Diese völlige Hingabe an den Job verändert folglich das soziale Leben der breiten Masse.

Für Liebhaber von Zählbarem: Statistiken und Tendenzen

Für ein Siebtel aller Arbeitnehmer hat eine feste Beziehung am Arbeitsplatz ihren Anfang genommen, immerhin jeder Fünfte hat sich bei der Arbeit schon verliebt und über ein Drittel könnte sich eine derartige Beziehung wenigstens theoretisch vorstellen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die die Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen „Forsa“ im Auftrag des Business-Netzwerks „Xing“ vorgenommen hat. Bei allen, die sich schon einmal am Arbeitsplatz verliebt haben, so die Studie weiter, seien mit 85 Prozent besonders Kollegen die attraktivsten Beziehungspartner. „Nur jeweils knapp jeder Zehnte hat sein Herz an einen Vorgesetzten oder einen Mitarbeiter verloren.“ Frauen verlieben sich laut „Forsa“ dabei häufiger in ihren Chef als dies bei Männern der Fall ist.

Sogar eine „Hitliste“ der Abteilungen gibt es. Sie zeigt überdeutlich, dass Tätigkeitsfelder, in denen angepackt wird, hoch im Kurs stehen. Die heißesten Eisen arbeiten laut den Umfrageergebnissen in folgenden Abteilungen: Auf Platz eins landete die Produktion, auf Platz zwei der Vertrieb, Platz drei entfiel auf das Personalwesen, Platz vier auf die Buchhaltung und das Schlusslicht in den Top 5 machen Marketing und PR.

Besonders interessant erscheint vor dem Hintergrund, dass Arbeitnehmer immer mehr Zeit im Büro verbringen, folgender Satz der Auswertung: „Jeder Dritte der Befragten befürwortet den Arbeitsplatz als Ort der Beziehungsfindung, weil man außerhalb desselben selten Leute kennen lernt.“ Die representative Studien im deutschsprachigen Raum nennt auch den größten Vorteil vom Büro als Platz zum Anbandeln: Man kenne den Partner durch die Arbeitstätigkeit bereits und kaufe somit nicht „die Katze im Sack“. Auch das lässt sich als logische Folge knapper werdender Freizeit deuten: Wer ohnehin kaum Zeit fürs Privatleben hat, muss auch in der Liebe „ergebnisorientiert“ vorgehen.

Für Liebhaber von Regeln: Was Verliebte am Arbeitsplatz tun und lassen sollten

Die Liebe ist auch am Arbeitsplatz Privatsache. Das ist eine gute und eine schlechte Nachricht zugleich. Denn einerseits, das ist die gute Nachricht, kann kein Chef der Welt seinen Angestellten verbieten, sich zu verlieben. Zwar gibt es häufig so genannte Ethikrichtlinien oder Hausregeln, die einen entsprechenden Paragrafen ins Feld führen – rein rechtlich haben solche Regeln aber keine Verbindlichkeit. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass Privates privat bleiben muss: Genau so wenig wie ein eventueller Streit mit der besten Freundin, die Nachwirkungen einer Vatertagsrunde oder das verletzte Sprunggelenk des Haustiers die Arbeit beeinträchtigen sollte, darf auch die Beziehung mit einem Kollegen das tägliche Tun nicht beeinflussen.

Der Chef kann also das frischverliebte Pärchen bitten, die Beziehung vor den Kollegen publik zu machen, um den Flurfunk gerüchtefrei und somit das Betriebsklima positiv zu halten. Ebenso darf der Vorgesetzte das Kollegenpärchen bitten, sich am Arbeitsplatz mit Liebesbezeugungen zurückzuhalten. Ist die Beziehung offiziell, empfiehlt es sich schon aus Anstandsgründen, den Vorgesetzten und gegebenenfalls die Kolleginnen und Kollegen ins Bild zu setzen.

Wobei auch hier der gesunde Menschenverstand alle arbeitsrechtlichen Regeln zusammenfasst: Wildes Geknutsche nach der Konferenz ist ebenso tabu wie die schnelle Nummer auf dem Kopierer – und das gilt auch für alle anderen Hollywood-Klilschees, die die Thematik hergibt. Ebenso sollten sich Aushilfsmachos wie -models, die das Büro primär als Balz- denn als Arbeitsplatz betrachten, besser in Zurückhaltung üben: Strafrecht gilt auch im Büro. Eine Anzeige wegen sexueller Belästigung ist ein veritables Risiko – von den arbeitsrechtlichen Folgen (Abmahnung, Kündigung) eines amourösen „Missverständnisses“ ganz zu schweigen. Von Flirts in Richtung Chef-Etage raten Experten flächendeckend ab: Zu arg schwingt in so einem Fall bei allen Beteiligten der grundsätzliche Verdacht mit, der oder die Liebende habe mehr Interesse am beruflichen Aufstieg als an der Person, der sie die Gefühle entgegenbringt. Kritisch wird’s ebenso, wenn sich in einem Ausbilder-und-Auszubildenden-Verhältnis zarte Gefühle zeigen: Der Ausbilder oder die Ausbilderin darf niemals seine Position ausnutzen.

Läuft aber alles gut und die Beziehung steht der Produktivität am Arbeitsplatz nicht entgegen, hat es auch Vorteile, wenn Freund und Freundin im selben Büro arbeiten. Anders als die meisten Paare sehen sich Kollegenpärchen auch während der Arbeitszeit, haben meist die gleichen Arbeitszeiten und (beruflichen) Interessen und bringen naturgemäß mehr Verständnis für beruflich bedingte Verhaltensweisen auf als Paare, die in ganz unterschiedlichen Arbeitssituationen tätig sind. Miteinander arbeitende Partner wissen auch im Privatleben bereits, wie der Partner in dieser oder jener Situation reagiert – etwa, ob er mit Stress gut klarkommt oder ob er in so einer Situation besonders liebevolle Unterstützung bracht. Was den gemeinsamen Urlaub anbelangt, gilt für Paare ebenso wie für Einzelpersonen: Urlaubswünsche der Angestellten müssen ebenso wie andere soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden – das gilt besonders für Paare, bei denen Kinder im Spiel sind.

Für Liebhaber von Dramen: Mögliche Konsequenzen nach der Trennung

Film-Kenner wissen: Das Leben geht nach dem Happy End weiter. Nehmen wir folgende Situation an: Da haben sich die Liebenden am Arbeitsplatz gefunden, den Drahtseilakt zwischen privaten Belangen und dienstlichen Interessen meisterhaft geschaukelt, ihr privates Glück privat gehalten und die ganze Zeit über harmonisch und tadellos Seit‘ an Seit‘ zugunsten der Belange ihres Arbeitgebers gearbeitet… und dann kommt aus irgendeinem Grund die Trennung. War es zum Beginn der jungen Liebe noch spannend und aufregend, schnellstmöglich ins Büro zu kommen, hat die Belegschaft nun gleich zwei Kollegen im Team, die am liebsten gar nicht mehr zur Arbeit erscheinen würden.

So leicht nachvollziehbar diese Logik für Außenstehende ist – für die Frischgetrennten kann dieser Zustand die Hölle sein. In besonders schlimmen Fällen kann es helfen, den Chef zu bitten, in eine andere Abteilung versetzt zu werden. Das geht selbstverständlich nur bei größeren Firmen – schließlich muss die Versetzung auf eine gleichwertige Position erfolgen. Nicht nur die Vorgesetzten müssen ihren Segen dazu geben, sondern gegebenenfalls auch der Betriebsrat. Was die Umgangsformen betrifft, versteht es sich von selbst, sich auch hier dezent zu verhalten: Von lautstarken Streits auf dem Flur ist ebenso abzusehen wie von tränenreichen Jammereien. Wird dieser Grundsatz verletzt, leidet die Arbeit darunter – und der Vorgesetzte muss einschreiten.