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Rückenleiden: Die Problematik mit der Psychosomatik

„Das ist doch psychosomatisch!“ Die Umgangssprache gibt einer so weit verbreiteten wie unterschätzten Ursache für Rückenschmerzen einen negativen Beigeschmack. 16 bis 31 Prozent aller Erkrankungen, so eine Schätzung, haben psychosomatische Ursachen. Der Anteil bei Rückenerkrankung ist immens höher.

Mögliche Ursachen für Rückenleiden

Satte 80 bis 90 Prozent aller chronisch Rückenkranken weisen laut einer Studie auch Anzeichen einer leichten Depression auf. Zugegeben: Dieser recht steile Wert wird von ein paar anderen Ergebnissen, die ein paar Zehnerschritte moderater ausfallen, im Gesamteindruck nach unten korrigiert. Mit Sicherheit aber haben weit über die Hälfte, wenn nicht sogar drei Viertel aller Menschen mit chronischen Rückenschmerzen Probleme, die weniger in der Physis als in der Psyche liegen.

Stress ist zum Beispiel der Hauptschuldige für Rückenprobleme aller Art. Nicht von ungefähr kommen Redewendungen, nach denen eine Frist „im Nacken“ sitzt oder ein Problem „auf den Schultern lastet“: Dauerbelastungen für die Psyche lösen im Körper nachgewiesenermaßen Reaktionen aus. Grundsätzlich spannt sich die Rückenmuskulatur bei Stress an. Die Erklärung dafür findet sich in der Evolution: Gerät der Mensch in eine brenzlige Situation, schüttet sein Organismus Adrenalin aus. Dieses Stresshormon treibt unter anderem die Muskeln zu Höchstleistungen, um etwa für eine Flucht oder einen Angriff gerüstet zu sein.

Wenn in Urzeiten der Säbelzahn-Tiger in die Höhle schlich, war es für den frühen Menschen auch von Vorteil, unter Aufbietung all seiner Kräfte das Feld räumen zu können. Am Prinzip hat sich an dieser körperlichen Justierung nichts geändert, auch wenn es heute dankenswerterweise meist nicht mehr um Leben oder Tod geht. Schon gar nicht auf dem Bürostuhl, wo die meisten Menschen am meisten Stress ausgesetzt sind. Im Gegenteil: Mit der Adrenalin-Dosierung eines Urmenschen im Blut, geht es beim modernen „homo computerensis“ weniger um körperliche, sondern eher um geistige Höchstleistungen, die unter Stress zu bewältigen sind. Der Adrenalinspiegel ist dabei der gleiche geblieben, nur dass das Hormon sich nicht mehr durch eine halsbrecherische Flucht oder einen handfesten Kampf im Muskel verwertet wird. Die Folge sind Muskelverhärtungen. Ist Anspannung, also Stress in seinen vielen Formen, ein Dauerzustand, führen die natürlichen Schutzreflexe zu schmerzhaften Verspannungen.

Ein weiterer großer Unterschied zum Urmenschen ist auch die Dauer, der moderne Menschen Stress ausgesetzt sind. Während die Vorfahren des Menschen mit akuten Stressepisoden zu kämpfen hatten, lebt der moderne Mensch sozusagen im Dauerstress. Während akuter Stress gesund und leistungssteigernd wirkt, ist chronischer Stress der Gesundheit abträglich und führt zu körperlichen Symptomen.

Was bedeutet „psychosomatisch“?

Die Langzeit-Folge sind Rückenschmerzen, deren Ursache psychosomatisch ist. Da dieser Ausdruck aber stark stigmatisiert ist, sei an dieser Stelle detailreich erklärt, wieso „psychosomatisch“ nicht bedeutet, dass sich jemand seine Schmerzen einbildet. Ganz im Gegenteil: Psychosomatische Schmerzen sind sogar sehr real und derjenige, der sie hat, hat genauso schwache oder und mithin sogar stärkere Beeinträchtigungen wie jemand, der als Ursache für seine körperlichen Probleme auch einen Grund erkennt.

„Somatisch“ bedeutet zunächst nichts anderes als, das Soma (den Körper) betreffend, also „physisch“ oder „körperlich“. „Psychosomatisch“ heißt hingegen „auf psychisch-körperlichen Wechselwirkungen beruhend“ – einfacher ausgedrückt: psychosomatische Schmerzen sind körperliche Schmerzen, deren Ursache in der Psyche liegt.

Gerade im Bezug auf Rückenprobleme ist die Beziehung von Körper und Seele seit langem bekannt. Bereits in den Neunzigerjahren fanden Forscher heraus, dass nur wenige Menschen, die andauernd „Rücken“ haben, tatsächliche Beschädigungen der Wirbelsäule oder der Bandscheiben aufweisen. Viel öfter hätten sie Defizite wie eine schwache Rückenmuskulatur, einen teilweise steifen Rücken oder konditionelle Mängel. Durch seelische Probleme würden diese körperlichen Leiden allerdings verstärkt wahrgenommen und Schmerzen präsenter erscheinen, so die Erklärung.

Eine Ursache dafür ist, dass der Organismus von depressiven Menschen von Haus aus weniger schmerzlindernde Botenstoffe ausschüttet als der von mental gesunden. Kurz gesagt: Ein deprimierter oder depressiver Mensch empfindet körperliches Leid tatsächlich schlimmer als jemand, der mit einer grundsätzlich positiven Grundeinstellung durchs Leben geht.

Es ist die Daueranspannung, die krank macht

Mobbing, Stress, Überforderung oder Schicksalsschläge versetzen den Körper in eine Art natürliche Daueralarmbereitschaft. Eine Studie ergab, dass 85 Prozent aller Rückenschmerzen durch psychische Ursachen entstanden sind. Eine angeschlagene Psyche kann auch verhindern, dass Schmerzen nach der Behebung einer körperlichen Ursache abklingen können. Die meisten solcher Rückenleiden wiederum haben ihre Ursache am Arbeitsplatz: Schlechtes Betriebsklima, Zeitdruck, soziale Konflikte, kein geregelter Feierabend, mangelndes Lob, ständige Erreichbarkeit nach Feierabend oder die Angst vor einer möglicherweise bevorstehenden Kündigung sind nur einige von vielen Gründen, wieso immer mehr Arbeitnehmer psychosomatische Rückenschmerzen bekommen. Nicht zu verachten ist auch der Einfluss des persönlichen Umfeldes auf das Stressempfinden.

Trauerfälle in der Familie, die langjährige Pflege eines Verwandten, Spannungen in der Ehe oder der Partnerschaft, langwierige Streitigkeiten in der Familie oder im Freundeskreis, ein einseitig forderndes Umfeld oder schlichtweg die Überforderung mit einer Situation im Bekanntenkreis können ebenfalls dauerhaftes Rückenleiden auslösen; in manchen Fällen ist es auch ein Mix aus vielen Kleinigkeiten, die zusammen Großes anrichten können. Es reicht auch eine allgemein pessimistische Lebenseinstellung, vor sich hergetragener Zynismus, eine empfundene Häufung von schlechten Nachrichten durch Dauerfeuer aus Internet-Portalen, Radio, Handy-Apps oder Social Communities oder auch allgemeine Niedergeschlagenheit. Auch ein Mangel an Ausgleich zum anspruchsvollen Arbeitsalltag kann körperliche Auswirkungen haben.

Wege aus der Krise

Es steht außer Frage: Nicht alle Rückenschmerzen haben eine seelische Komponente. Wer sich verhebt, verrenkt, geschädigte Bandscheiben oder verspannte Muskeln hat, muss von einem Orthopäden behandelt werden. Dieser wird versuchen, den Schaden zu beheben und die körperlichen Hindernisse für ein schmerzfreies Leben aus dem Weg räumen. Weniger einfach stellt sich der Fall bei psychosomatischen Erkrankungen dar; oder bei Fällen, bei denen eine somatische und eine psychosomatische Erkrankung zusammenspielen.

Der Hinweis eines Arztes, dass die Ursache für Rückenprobleme im Seelenleben des Patienten liegen, wird nach wie vor ungern gehört. Anders als beispielsweise in Nordamerika, wo es gesellschaftlich weitgehend anerkannt ist, einen Therapeuten zu besuchen, herrscht in Deutschland noch immer keine hohe Meinung über Menschen, die ihre Probleme nicht mit sich selber ausmachen können oder wollen. Die bloße Erwähnung von Psychosomatik gilt vielen vielmehr als ein Herunterspielen „echter“ Probleme oder schlichtweg als Unverschämtheit eines Mediziners, der offenbar unfähig ist, das Rückenleiden kompetent einzuordnen. In der Praxis kann eine solche Situation dann leider auch dazu führen, dass ein Arzt das Themenfeld lieber gleich vollkommen ausspart und Schmerzmittel oder Krankengymnastik verschreibt, bevor er seinen Patienten an einen anderen Mediziner verliert.

Die wahre Problematik bleibt damit unbehandelt und aus einem kurzfristigen, psychosomatisch verursachten Leiden wird eine chronische Erkrankung. Die Erkenntnis, dass psychosomatisch verursachte Symptome nichts anderes als ein Hilfeschrei der Seele sind, die in ihrer Not den Körper als Umweg nimmt, um auf sich aufmerksam zu machen, fehlt oft – ob nun bei Patienten oder Ärzten. Wird dieser Hilferuf aber konsequent ignoriert, droht eine Abwärts-Spirale: Der Rücken schmerzt weiterhin, zu den ungelösten Ursachen wie etwa Stress oder Zukunftsängste, kommt eventuell noch die Sorge dazu, die mysteriösen Rückenleiden könnten der Hinweis auf etwas Ärgeres sein.

Der nächste Schritt ist, dass sich Patienten mit ihrem Leiden abfinden, es akzeptieren und für ihre Zwecke nutzen. Als Beispiel sei der Mitarbeiter einer Büroabteilung bemüht, der es einfach nicht gelernt hat, auch mal „Nein“ zu sagen. Viel zu viel Arbeit, daraus resultierender Zeitdruck, folgender privater Stress und schließlich auch ein stetig wachsendes Ungerechtigkeitsempfinden sind die Folge. Aus einfachen Muskelverspannungen werden chronische Rückenprobleme, womöglich sogar Nervenschmerzen. Und weil das eigentliche Problem ignoriert wird, kommt mit der Erkenntnis, dass nun auch noch der Körper das Leben beeinträchtigt. Was wiederum dazu führt, dass das körperlich sehr wohl vorhandene, aber unbehandelt gebliebene Leiden zur Problemlösung herangezogen wird – frei nach dem Motto „…ich würde ja gern, aber mein Rücken“. Die Folge können der Vorwurf sein, dass der Kollege gar nichts tut, um wieder gesund zu werden oder sich sogar absichtlich vor der Arbeit drückt, was wiederum zu Mobbing oder Abmahnungen führen kann. Vereinfacht ausgedrückt: Aus Stress wird körperlich spürbarer Stress, der zu noch viel mehr Stress und somit Schmerzen führen kann. Fachleute sprechen auch von einem „Teufelskreis“, nachdem seelisches Leiden körperliche Schäden nach sich zieht, die wiederum seelische Leiden zur Folge haben – und so weiter, und so fort.

Experten auf dem Gebiet beschreiben den Weg aus der Krise als Weg zur Selbsterkenntnis. Es lohnt sich also, hin und wieder die Frage zu stellen, ob es da einen Teil der Persönlichkeit gibt, der viel zu kurz kommt: „Lässt mir die Arbeit genug Zeit, eine Beziehung zu führen, Freundschaften zu pflegen oder die Reisen zu unternehmen, die ich seit Jugendtagen vor mir herschiebe? Habe ich genug Energie in die Umsetzung dieser Ziele gesteckt oder vielmehr eher zum Weg des geringsten Widerstands geneigt?“ Selbstverständlich ist es einfacher, zu allem Ja und Amen zu sagen als Energie aufzubringen, eine sehr persönliche Position zu erklären. Vielfach ist es auch Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Angst, Harmoniesucht oder anerzogenem Pflichtbewusstsein, die dazu führen, nicht mehr auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. Das Hören auf den Körper ist der erste Schritt, um die Spirale nach oben zu erklimmen. Ob das nun mit oder ohne professionelle Hilfe passiert.

Professionelle Hilfe

Eine erste Anlaufstelle ist der Hausarzt, der seine Patienten im Idealfall seit Jahren kennt und ihre Beschwerden kompetenter einordnen kann als ein kurzfristig hinzugezogener Facharzt. Wer mit ihm über seine Probleme spricht und den Verdacht äußert, dass nicht nur körperliche Schäden für das Leiden verantwortlich sein können, gibt Hilfe auf den ersten Schritten in Richtung Genesung. Natürlich wird er mit der Hilfe von Fachärzten abklären, ob wirklich keine körperlichen Ursachen für den Schmerz vorliegen – und dann gegebenenfalls einen geeigneten Therapeuten vorschlagen oder selbst Hilfestellung bei der Lösung der Probleme geben. Eine andere Anlaufstelle können Psychosoziale Beratungsstellen von Universitäten, kirchlichen oder kommunalen Einrichtung sein. Auch hier wird im Normalfall erst dazu geraten, alle möglichen medizinischen Ursachen für chronische Schmerzen auszuschließen und dann weitere Schritte in die Wege leiten. So oder so: Der Anfang einer grundsätzlichen Problemlösung sollte darin liegen, „Psychosomatik“ nicht als Schimpfwort oder Beleidigung zu empfinden.

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