Gute Vorsätze sind keine exklusive Geschichte für den Jahreswechsel. Auch zum Ende der Urlaubssaison haben hehre Absichten Konjunktur. Sie betreffen allerdings weniger das lasterhafte Leben, dem während eines deftigen Neujahrskaters gern abgeschworen wird, sondern eher seine hektische Variante: Stress. Ein paar Wochen Auszeit können die Augen öffnen für eingeschliffene Mechanismen im Büroalltag, die Stress erzeugen. „Von nun an gehe ich die Sache entspannter an“, lautet ein häu.ger Vorsatz nach dem Urlaub – der meist nicht durchgehalten werden kann. Denn Stress ist oft auch das Produkt eingeschliffener fehlerhafter Abläufe innerhalb des Teams – und derartig perfektionierte Unarten schafft kein noch so guter Vorsatz ab. Die Lösung lautet also, sich selbst eine wirksame Strategie im Umgang mit Stress zu überlegen. Um das zu können, sollte man wissen, wie er entsteht. In einer Serie namens „Wege zur Stressbewältigung“ widmen wir uns der sogenannten Krankheit der Gegenwart etwas genauer. Teil eins klärt Grundlagen: Was ist eigentlich Stress?

Was ist eigentlich Stress?

„Know your enemy“, lautet eine im angelsächsischen Sprachraum gebräuchliche Lebensweisheit: „Kenne Deinen Feind“. Sie wird dem chinesischen General und Militärstrategen Sun Tzu zugeschrieben, der im 6. Jahrhundert vor Christus ein Buch namens „The Art Of War“ oder „Die Kunst des Krieges“ verfasst hat. Es gilt bis heute als Standard-Werk zum Thema „Strategie“ und wird außer von Militärstrategen auch von Managern gelesen. Laut der gängigen Übersetzung schreibt der General darin: „Kenne deinen Feind und kenne dich selber, dann wirst Du in hundert Schlachten nicht einmal besiegt werden.“ Der erste Schritt einer wirksamen Strategie zur Stressbewältigung muss also sein, dem Stress in sein unstetes Antlitz zu blicken.
Zunächst einmal ist Stress nichts gutes oder schlechtes, sondern etwas ziemlich neutrales. Laut De.nition ist Stress – das Wort leitet sich vom lateinischen „stringere“, anspannen, ab und steht im Englischen für „Druck“ und „Anspannung“ – eine durch spezi.sche äußere Reize hervorgerufene psychische und physische Reaktion bei Lebewesen. Sie befähigt,besondere Anforderungen zu bewältigen. Außerdem steht das Wort für die dadurch entstehende körperliche und geistige Belastung.

Stress ist wichtig fürs Überleben

In der Evolution fällt Stress also eine zentrale Rolle für das Überleben von Menschen und Tieren zu. Was nämlich angesichts einer akuten Gefahrensituation passiert, ist Folgendes: Das Nebennierenhormon Adrenalin wird wird ausgeschüttet und löst so eine vegetative Wirkungskette aus, die den Blutzucker und den Blutdruck sowie den allgemeinen Spannungszustand der Muskulatur erhöht. Dadurch tritt die relativ langsame Verarbeitung des Großhirns in den Hintergrund und das schematische Entscheidungsmuster des Stammhirns wird mit Vorrang genutzt. Anders ausgedrückt: Das Lebewesen entscheidet schneller, allerdings mit höherer Fehlerquote. Auf die in Urzeiten natürlich gep.ffen war, um es mal salopp auszudrücken. Stellen wir uns den Otto-Normal-Höhlenmenschen vor, der vor seiner Höhle mit Südplateau den Tag genießt und plötzlich etwas auffällig Gestreiftes durchs Buschwerk huschen sieht. Dass er in einer Stressreaktion um sein Leben laufen kann oder im Angesicht des Gefressenwerdens übermenschlich anmutende Kräfte freisetzt, um den umhermarodierenden Säbelzahntiger mit einer Keule in die Flucht zu schlagen, sicherte ihm das Überleben. Genauso geht es dem Wald-und-Wiesen-Eichhörnchen oder dem Feldhamster, der sich plötzlich einem Fressfeind gegenübersieht: Die Nager können, wenn auch panisch, ihr Heil in der Flucht suchen und verlieren nicht wertvolle und lebensentscheidende Sekunden beim Überlegen, wohin die Flucht nun statt.nden soll. Nun sind die Zeiten herumstreifender Säbelzahntiger natürlich vorbei und auch die aktuellen Fressfeinde des Menschen halten sich entweder in tiefen Wäldern, auf abgelegenen Eisschollen oder im tiefen Ozean auf. Aber auch ohne Bären und Haie emp.nden wir oft Stress. Dass dieser Zustand als negativ empfunden wird, liegt daran, dass er heutzutage meist auf täglicher Basis oder als übermächtig eingeschätzt wird. Welche Handhabe hat man denn auch gegenüber den schikanösen Aufgabenstellungen des Abteilungsleiters oder der täglichen Mischung aus gehaltvollem Tagesziel und Ablenkungen wie Anrufen, unnötigen E-Mails und zeitfressenden Meetings? Stress kann viele Ursachen haben. Es gibt den ganz normalen Stress, der auftritt, wenn man vor einer Situation steht und keine Möglichkeit einer Bewältigung sieht: Etwa zu kurzfristige Deadlines im Beruf, ein zu hohes gefordertes Arbeitspensum, allgemeine Überforderung oder ein Job, der viel Zeit fordert, aber nicht genügend Geld bringt. Stress kann aber auch physikalischer Natur sein: Kälte, Hitze, Lärm, Abgase oder Sonneneinstrahlung – natürlich ohne Möglichkeit eines Entkommens. Egal wie: Tritt Stress regelmäßig oder über eine lange Zeitperiode ohne Möglichkeit zur Erholung auf, kann er die Gesundheit negativ beein.ussen. Mediziner sind sich einig, dass das Immunsystem unter Stress leidet und im schlimmsten Fall sogar Krebs nach sich ziehen kann.
Der Grund dafür be.ndet sich in der Natur der Sache: Weil die meisten Menschen heutzutage kaum noch körperlich auf Stress reagieren müssen und auf dem Bürostuhl weniger oft gegen wilde Tiere in den Kampf ziehen als gegen Faktoren, denen sie geistig gegenübertreten müssen, werden die Stresshormone nicht abgebaut. Anders ausgedrückt: Der Körper braucht den Extra-Energie-Boost nicht – in der Folge kann er daran erkranken. Ständige Belastung hat beispielsweise erhöhte Infekt-Anfälligkeit, Migräne, Depressionen, hoher Blutdruck, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme oder ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko zur Folge.

Die positiven und negativen Folgen von Stress

Für diese, den meisten durchaus wohlbekannte Form von Stress, gibt es einen Ausdruck, der in anderen Sprachen durchaus Verwendung .ndet. Während im Deutschen kein Unterschied gemacht wird zwischen negativem und positivem Stress, spricht man im angelsächsischen Sprachraum von „distress“ (dauerhaft negativer Stress, die griechische Vorsilbe „dys“ bedeutet „schlecht“) und „stress“ als neutraler Stress. Denn eine stressige Situation kann durchaus auch gut sein. Dann spricht man von „Eustress“, gemäß der griechischen Vorsilbe „eu“, die „wohl“ oder „gut“ bedeutet. Darunter versteht man gemeinhin eine Belastung, die kurzfristig die Aufmerksam erhöht, den Organismus aber nicht weiter beansprucht.
Das beste Beispiel dafür ist vermutlich der Langstreckenläufer, der sich auf einen Marathon vorbereitet, obwohl er bislang noch nicht viel mehr als ein paar hundert Meter gelaufen ist. Auf ihn wartet eine Zeit der Entbehrungen, der Belastung und bisweilen sogar der körperlichen und psychischen Überforderung. Der Unterschied: Er wird von der Situation nicht überrumpelt, sondern weiß ziemlich genau, worauf er sich einlässt. Mehr noch: Er bringt den festen Willen mit, sein Ziel zu erreichen. Ähnlich gibt es Patienten, die eine Krankheit positiv bewältigen können, wenn sie die Gelegenheit hatten, sich mit einer geeigneten Bewältigungsstrategie auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten.

Und wieder führt die nähere Beschäftigung zu einem altbekannten Ergebnis: das Maß macht’s. Zu viel Stress kann negativ sein, kurzfristig oder erwartet auftretender Stress kann sich positiv auswirken und sogar zu Glücksgefühlen führen. Der eingangs beschriebene Feind ist also der negative Stress, der „Disstress“. Während man gegen unerwartete Ereignisse wie eine Krankheit, der Tod eines lieben Mitmenschen, Angst um den Arbeitsplatz, dauerhafter Streit innerhalb des Freundeskreises oder in der Familie oder eine Naturkatastrophe beziehungsweise ihre Folgen wenig tun kann und sie auf jeden Fall belastend wirken. Sich selbst zu kennen und ein paar Strategien zur Hand zu haben, um mit belastenden Situationen besser fertig zu werden, erhöht also nicht nur die Lebensqualität, sondern unter Umständen sogar die Lebensdauer.