Lieber Happy Food als Fast Food

Der schnelle Döner am Schreibtisch, der Wrap auf dem Bürostuhl, der Burger auf dem Parkplatz oder die Nudelbox auf dem Weg zurück ins Büro: Fast Food hat in Deutschland zunehmend einen schweren Stand. Geht es nach aktuellen Studien, steigt das Bewusstsein der Deutschen nicht nur für gesunde Ernährung, sondern auch für gesunde Genusskultur. Kantinen und Restaurants gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung, mehr noch als soziale Treffpunkte als zu bloßer Essens-Aufnahme in der Mittagspause.


Nicht nur Nahrungsaufnahme

Kein europäisches Land hat die Liebe zu kulinarischen Genüssen oder seine Leidenschaft für gesellige Runden mit Freunden und Familie so zur Nationalkultur erhoben wie unsere Nachbarn im Westen. Man streife an einem ganz normalen Werktag mittags durch eine beliebige französische Stadt und werfe einen Blick auf die Straßenlokale: Für ein, zwei Stunden verlagern sich Ladenbesitzer, Markthändler, Handwerker und Büroarbeiter in die örtliche Brasserie, sitzen zusammen und genießen ein köstliches Mittagessen. Ganz davon abgesehen, dass man sich schwertun wird, auch in der abgelegensten Provinz ein Lokal zu finden, das keinen einfachen, aber raffinierten Mittagstisch mit örtlichen Spezialitäten anbietet: Die bewusst genossene Auszeit dient nicht nur der Nahrungsaufnahme, sondern auch der kleinen Familienzusammenkunft oder der Pflege von kollegialen Beziehungen abseits des Geschäfts; denn dienstliche Themen sind in der Mittagspause bis zum abschließenden „petit café“ tabu. Wer seine Familie beim Mittagessen nicht gesehen hat, der trifft sie zum großen Abendessen – eine kulinarisch-gesellschaftliche Tradition, die in Frankreich genauso gepflegt wird wie in Italien.

Nicht nur deshalb ist für die Deutschen der Bezug der Italiener zum gemeinsamen Essen zum Synonym für genussvolles Leben geworden. Wer jemals das Vergnügen hatte, mit einer italienischen Großfamilie in ein und der selben Trattoria essen zu dürfen – egal ob beim einfachen Mittagessen oder beim opulenten Abendmahl – versteht, wieso Italien hierzulande zum Paradebeispiel für Offenheit und Lebensfreude geworden ist. Frankreich, Italien, Österreich, Spanien, Portugal – die Reihe könnte beliebig erweitert werden und es würde lang dauern, bis Deutschland als Beispiel für gelebte Genusskultur auftauchen würde. Effizienz, Rationalität und Zuverlässigkeit zählen eher zu den Eigenschaften eines „typischen Deutschen“. Dieser Maxime nach ist es natürlich vernünftiger, beim schnellen Mikrowellen-Snack auf dem Bürostuhl die aktuellen Rundschreiben durchzugehen.

Gute Frage: Handelt es sich bei all‘ diesen Feststellungen um die Realität oder um längst überholte Klischees? Klare Antwort: Ja! Dass sich in Sachen „Genusskultur“ nicht nur an deutschen Arbeitsplätzen etwas getan hat, legt eine aktuelle Studie nahe. Denn auch die Deutschen sehnen sich nach mehr als nur dem schnellen Sattwerden in der Mittagspause. Der neue Anspruch: Gemütlich soll das Essen sein, schmackhaft und gesund!

Food Posting und Food Porn: Sind Internet-Trends Hinweise auf einen Gedankenwandel?

Das zeigt auch der Blick in den Alltag von „digital natives“, wie die Mitglieder jener gesellschaftlichen Generation bezeichnet werden, die mit der digitalen Welt aufgewachsen sind. Kaum ein Trend geht derzeit so durch die Decke wie „Food Posting“ oder „Food Porn“. So wird das Fotografieren, Hochladen, Teilen und Kommentieren von Essens-Bildern genannt. Was dahintersteckt, ist an sich ein uraltes Verlangen: Keiner isst gern allein und so nutzen diejenigen, die sich völlig selbstverständlich in den Weiten des Internets bewegen, soziale Medien dafür, um ihre Mahlzeit mit anderen zu „teilen“ – obwohl sie alleine am Tisch sitzen.
Der Lebensmittelkonzern „Nestlé“ hat in einer Studie mit dem Titel „So is(s)t Deutschland 2016“ ermittelt, dass fast jeder zweite Deutsche schon einmal ein Foto von seiner Mahlzeit ins Internet geladen hat. Ob Twitter, Facebook, Pinterest, Instagram oder gleich ein Food-Weblog: Das Bedürfnis, seinen Followern mitzuteilen, was man gerade genießt, entspringt einem uralten Verlangen: seine Mahlzeit zu teilen. Diesem digital geäußerten Verlangen folgt nun der nächste Schritt: Das Essen wird tatsächlich in Gesellschaft genossen. Man geht wieder gemeinsam zum Essen – ob mittags die Kantine, zum Italiener ums Eck oder nach Dienstschluss zum After-Work-Büffet.
Auch in einer anderen Angelegenheit gibt die Studie Anlass zur Feststellung, dass sich die Deutschen in Sachen „Essverhalten“ von ihren europäischen Nachbarn einiges abgeschaut haben: Parallel zur virtuellen Welt erlangt das gemeinsame Abendessen nach dem Arbeitstag zunehmend den Status der wichtigsten Mahlzeit des Tages. Während immer seltener gemeinsam zu Hause gefrühstückt oder zu Mittag gegessen wird, wächst die Bedeutung des Abendessens als geselliges Ereignis. Diese Aufwertung, so „Nestlé“, sei auch daran zu erkennen, dass das klassische kalte Abendbrot immer häufiger durch ein warmes Abendmahl ersetzt wird. Auch gingen die Deutschen quantitativ nicht häufiger ins Restaurant als noch vor fünf Jahren. Dafür stehe heute der Wunsch nach Begegnung und Austausch über dem reinen Bedürfnis, etwas zu Essen auf den Tisch zu bekommen.

Essen macht glücklich: Happy Food im Büro

Ins Bild passt, dass gutes Essen zunehmend als Belohnung wahrgenommen wird. 64 Prozent der Befragten gaben für die Studie an, mehr qualitäts- als preisorientiert einzukaufen. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren waren es noch 42 Prozent. Dass eine Belohnung glücklich macht, ist klar. Aber kann auch gutes Essen glücklich machen? Ja, sagen Ernährungspsychologen. Jedes Nahrungsmittel kann, wenn es im richtigen Augenblick genossen wird, Glücksgefühle erzeugen. „Happy Food“ ist also jede Mahlzeit, die bewusst genossen wird – oder schöne Erinnerungen weckt.
Das Belohnungssystem im Gehirn lernt nämlich. Jede Mahlzeit, wenn sie in einem schönen Kontext genossen wird, kann also das schöne Gefühl zurückbringen, das man in dem Moment hatte, als man sie zum letzten Mal gegessen hat. Das Schnittlauch-Butterbrot vom Opa, die Pfannkuchen der Oma oder die Lasagne der Mutter: Das Gehirn erinnert sich auch beim Schnittlauch-Butterbrot am Schreibtisch an Opas gemütlichen Sessel, beim Pfannkuchen an Omas wohlig warme Küche und bei der Lasagne in der Kantine an das Esszimmer der Kindheit.
Noch ein guter Grund also, einer guten Mahlzeit in der Mittagspause den Vorzug gegenüber eines schnellen Schnitzels am Arbeitsplatz zu geben. Nicht, dass irgendwann jedes Schnitzel nach Arbeit schmeckt…

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