Der gesunde Rücken: Eine Frage der Prophylaxe

Wissenswertes und Hintergründe über Rückengesundheit und dem „Tag der Rückengesundheit“ am 15. März

Am 23. April ist der „Tag des Buches“, der „Tag des offenen Denkmals“ fällt auf den zweiten Sonntag im September und sogar einen „Tag des Bieres“ gibt es. Während es dabei am ersten August-Freitag eher ums gemütliche Zusammensein geht, stehen am 1. Mai ernstere Themen an – der „Tag der Arbeit“ gilt als Kampftag der Arbeiterbewegung. Diese Aktionstage werden traditionell von passenden Veranstaltungen flankiert, die von den jeweiligen Interessensverbänden ausgerichtet werden. So ist davon auszugehen, dass sich Physiotherapeuten, Krankenkassenmitarbeiter, Allgemeinmediziner und Orthopäden den 15. März rot im Kalender angestrichen haben. Denn auf dieses Datum fällt der „Tag der Rückengesundheit“ – jawohl, auch den gibt es. In einer Gesellschaft, in der Rückenschmerzen zum Volksleiden geworden sind, gewinnt der Aktionstag Jahr für Jahr größere Bedeutung und Aufmerksamkeit.

1. Ursachenforschung: Wie kam es zum „Tag der Rückengesundheit“?

Die Idee für den Aktionstag hatte 2002 das Forum „Schmerz“ im Deutschen Grünen Kreuz. Mittlerweile hat der Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR e.V.) die Schirmherrschaft übernommen und zeichnet für deutschlandweite Veranstaltungen zum „Tag der Rückengesundheit“ verantwortlich. Der Aktionstag soll grundsätzlich daran erinnern, dass ein gesunder Rücken keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis konsequenter Arbeit an sich selbst ist. Aktive Prävention ist angesagt – und nicht nur an diesem Tag. Diese Botschaft soll der Sondertag vermitteln; zudem werden bei einem zentralen Expertenworkshop jedes Jahr aktuelle, wichtige Grundsätze für die deutschen Rückenschulen beschlossen und veröffentlicht. Außer dieser zentralen Veranstaltung gibt es zahlreiche Aktionen auf regionaler Ebene.

2. Grundlagen zur Rückengesundheit

Um zu verstehen, wann ein Rücken ein gesunder Rücken ist und um bereits früh die Vorboten eines handfesten Problems erkennen zu können, ist es hilfreich zu verstehen, wie der Rücken funktioniert.

2.1. Eine kleine Anatomiestunde
Der Regensburger Orthopäde Dr. Christian Merkl zum Thema Rücken und Rückendgesundheit

Der Regensburger Orthopäde Dr. Christian Merkl hat auf täglicher Basis mit dem Thema „Rückengesundheit“ zu tun und publiziert auch regelmäßig in Fachzeitschriften. Den Aufbau der Wirbelsäule beschreibt er folgendermaßen: Insgesamt 30 verschieden geformten Knochen bilden die Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule, sie fungiert durch ihre Doppel-S-Form als Stoßdämpfer für den Köper. „Ihre ersten 24 Wirbel sind beweglich. Darauf folgen fünf verwachsene Wirbel im Kreuzbein am unteren Ende des Steißbein“, so Merkl. Der Begriff „Säule“ suggeriere einen starren, stabilen Aufbau – das Gegenteil sei jedoch der Fall. „Vielmehr befähigen uns die 24 gelenkigen, elastisch verbundenen Wirbel, Stöße, Belastungen und Schwingungen auszuhalten und zu kompensieren.“ Daher könne man laufen tragen, hocken, heben, sich drehen und beugen. „Zwischen den Wirbeln eingelagert befinden sich die Bandscheiben. Sie ,polstern’ die Wirbel und ermöglichen die Bewegung“, so der Mediziner.

Natürlich braucht jede tragende Konstruktion passende Unterstützung – so auch die Wirbelsäule. Ähnlich der Takelage eines Segelschiffs werde der Aufbau aus Rückenwirbeln und Bandscheiben umgeben von Muskeln, Faszien und Bändern. Arbeitet dieser Verbund uneingeschränkt, ist er ein wirksamer Schutzschild gegen Fehlhaltungen. Umfangen wird die Wirbelsäule von der Rücken- und Rumpfmuskulatur; arbeitet sie uneingeschränkt, bietet sie Schutz vor Fehlhaltung.

„Der aufrechte Gang ist nicht nur eine mechanische Leistung des Skeletts, sondern auch ein Meisterstück des Gehirns und der Nerven“, so Merkl. „Ohne das ununterbrochene Rechnen und das ständige Feedback von Sinnesorganen und Körperreaktionen würden wir die Balance verlieren und umfallen.“ Belastet würden beim Gehen auch Rumpf, Wirbel und Muskeln. Eine der Wirbelsäule gerechte Haltung setze deshalb immer eine ausreichend aufgebaute Muskulatur voraus. Für die Bandscheiben hingegen sei regelmäßige Bewegung unabdingbar. „Sie bestehen hauptsächlich aus Wasser und werden durch Diffusion – eine Art Durchsaftung – ernährt. Bei geringem Druck, etwa im Liegen, nimmt die Bandscheibe Flüssigkeit und Nährstoffe auf, während bei starkem Druck Flüssigkeit und Stoffwechselschlacken herausgepresst werden. Nur wenn sich Be- und Entlastung abwechseln, können Zucker, Eiweiße und Salze an den Ort des Nährstoffbedarfs gelangen.“ Selbstverständlich dürfe der Druck nicht zu stark sein, so Merkl.

2.2. Wieso schmerzt der Rücken?

Laut dem Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) klagt ein Drittel aller Deutschen einmal im Jahr über Rückenleiden. Nach Erkrankungen der Atemwege sind sie statistisch gesehen die zweithäufigste Ursache für Besuche beim Arzt und stehen ungefähr auf 15 Prozent aller Krankschreibungen als Grund für den Arbeitsausfall. Die volkswirtschaftlichen Folgen der Rücken-Erkrankungen ist erheblich, wobei natürlich nicht alle Kreuzschmerzen chronisch werden. Meist treten sie vorübergehend auf, so die AOK; bei einigen jedoch würden sie zum Dauerzustand. „Die Ursachen dafür sind vielfältig. Einseitige oder schwere körperliche Belastungen, aber auch psychische Überforderung und Stress sind mögliche Gründe. Falsches Bücken, Heben, Tragen oder Sitzen können Rückenprobleme herbeiführen oder verstärken“, so eine Pressemitteilung. „Vorsorge ist deshalb wichtig“, heißt es in dem Schreiben. „Dazu gehören viel Bewegung, Haltungstraining sowie das Vermeiden von Übergewicht.“

Merkl weiß Genaueres zu berichten: „Etwa 85 Prozent aller Menschen sind nicht symmetrisch gebaut und haben deshalb ein hohes Risiko für ein Bandscheibenleiden.“ Dazu kämen verhaltensbedingte Faktoren: Bewegungsmangel, einseitige Belastungen und Haltungsfehler nennt der Mediziner ebenso wie die Psyche. Laut Merkl hat sie einen erheblichen Einfluss auf das Entstehen und Abklingen chronischer Rückenschmerzen. Die AOK macht übrigens die Schreibtischtäter als besonders gefährdete Volksgruppe aus. In einer aktuellen Pressemitteilung heißt es: „Neben der Überanstrengung durch körperliche Arbeit belasten ungünstige Arbeitsplatzverhältnisse die Wirbelsäule. Stundenlanges Starren auf einen Bildschirm, langes Sitzen in immer gleicher Körperhaltung – all das beansprucht das Kreuz.“

2.3. Die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen

2.3.1. Bandscheiben

Bis zu 250 Kilogramm können auf die Bandscheibe wirken, wird beispielsweise Gewicht falsch gehoben. Mit zunehmendem Alter verschleisst sie ohnehin; wer jetzt noch regelmäßig falsch belastet oder zu schwer hebt, schädigt sie zusätzlich. Bei ungünstigen Bewegungen, etwa beim Umschauen oder beim Vornüberbeugen kann der Faserring der Bandscheiben einreissen, wodurch das Gel aus ihrem Inneren austritt. Im Volksmund als „Hexenschuss“ bekannt, kann dieser Gel-Austritt je nach Position unmerklich bis sehr schmerzvoll verlaufen.

2.3.2. Verspannungen

Bei Stress, wegen falscher Haltung oder ungleichmäßiger Belastung verhärten sich Muskelbereiche. Bleiben sie über längere Zeit hinweg angespannt, bekommen sie weniger Sauerstoff als sie brauchen. Die Folge ist, dass sich die Muskelstränge noch mehr verhärten – was auch die Sehnen in Mitleidenschaft zieht. Weil sich die Muskeln nicht mehr dehnen, ziehen sie an den Sehnen, was weitere Schmerzen zur Folge hat.

2.3.3. Ischias

Der Ischiasnerv – oder auch: Sitzbeinnerv beziehungsweise Hüftnerv – ist ein Nerv im Lenden-Kreuz-Geflecht. Er ist der mächtigste Nerv im ganzen Körper, weswegen eine Reizung sehr schmerzhaft ausfallen kann. Drücken verspannte Muskeln oder sogar eine Bandscheibe auf den Nerv, treten Schmerzen auf, die vom Kreuzbein über das Gesäß auf die Rückseite des Oberschenkels in Richtung Kniekehle ziehen.

2.3.4. Schulter-Arm-Syndrom

Wenn der Nackenbereich schmerzt und in die Arme, die Hände und bis in die Fingerspitzen hinein ausstrahlt, hat vermutlich Zugluft oder eine über lange Zeit hinweg starre Kopfhaltung zu einer Verhärtung des Muskelgewebes geführt. Wenngleich die häufigste Art von Rückenbeschwerden und leidlich unangenehm, ist sie relativ gut zu behandeln.

3. Mögliche Therapien

Orthopäde Dr. Christian Merkl über den Tag des Rückens

Eine Sache gibt es, die Ärzte aller Disziplinen übereinstimmend raten: Erstmal zum Schmerzmittel greifen. Tut der Patient dies nicht, verkrampft der Muskel immer weiter. Anstatt den natürlichen Bewegungsablauf zu ermöglichen, gibt es zusätzlichen Zug auf die Sehnen, was den Schmerz meist verschlimmert. Der Körper nimmt eine Zwangshaltung ein und macht somit den natürlichen Bewegungsablauf, ohne den ein Rücken nicht wieder funktionieren kann, unmöglich. Die schmerzende Stelle sollte warm gehalten werden – beim Ischiasnerv kann auch Kälte helfen. Wenn die Schmerzen nicht nach drei, vier Tagen abgeklungen sind, wird ein Arzttermin notwendig. Sofort zum Arzt sollte, wer Rückenschmerzen durch einen Unfall, bewegungsunabhängig oder mit Lähmungserscheinungen oder Taubheit in den Gliedmaßen einhergehend bekommen hat.

Die vielfältigen Ursachen für Rückenprobleme, ihre unterschiedlichen Ausmaße und Auswirkungen auf den Alltag machen eine detailliertere Aussage zu den einzelnen Behandlungsmethoden unmöglich. Zudem setzen Schulmediziner auf andere Ansätze als beispielsweise Osteopathen. Einig sind sich aber alle in einem Punkt: Regelmäßige Bewegung ist die einzig wirksame Prophylaxe. Es gilt die Faustregel: Je mehr man sitzt, desto mehr und gezielter muss die Bewegung ausfallen. Informationen dazu gibt es zuhauf am „Tag der Rückengesundheit“. Ansonsten geben Krankenkassen und Allgemeinärzte Auskunft zu aktuell angebotenen Rückenschulen oder weisen auf regionale Angebote hin.

Was die Behandlung von Rückenschmerzen angeht, verweist der Tag der Rückengesundheit im Jahr 2015 auf ein interessantes Motto. Der Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR e.V.) und die Aktion Gesunder Rücken (AGR) weisen in diesem Jahr verstärkt auf das Thema „Resilienz“ hin. Es beschreibt das förderliche Prinzip der Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen und unterstreicht die Möglichkeit, Rückenschmerzen als Chance wahrzunehmen. „Das Auftreten von akuten Rückenschmerzen solle auch als Anlass genutzt werden, Einstellungen und Bewertungen zum Schmerz zu verändern und langfristig einen rückenfreundlichen Lebensstil zu führen“, lassen die Bündnisse auf der Homepage zum „Tag der Rückengesundheit“ verlauten.

4. Aktuelle Veranstaltungen zum „Tag der Rückengesundheit“

Informationen zu allen Veranstaltungen zum „Tag der Rückengesundheit“ finden sich auf der Homepage www.ruecken-tag.de, wo auch zu erfahren ist, wo in diesem Jahr der zentrale Expertenworkshop als Auftaktveranstaltung am 15. März 2015 stattfindet: in Recklinghausen. Informationen zum Thema „Rückengerechter Arbeitsplatz“ gibt es bei der Betrieblichen Gesundheitsförderung der AOK. Mit dem Online-Programm „Rückenaktiv im Job“ bietet die AOK außerdem ein interaktives Onlineprogramm, dass die Rückengesundheit von Arbeitnehmern fördern soll.

5. Schnell-Information – Kurzes Interview

Dr. Christian Schneider

Quelle: Schön Klinik
München Harlaching

Dr. Christian Schneider ist leitender Arzt an der „Schön Klinik München Harlaching“. Er erklärt, kurz zusammengefasst, wie ein gesunder Rücken funktioniert.

Wie funktioniert der Rücken?

Der Rücken ist die stabile und doch bewegliche Stütze des ganzen Körpers. Er ermöglicht die Aufrichtung und damit auch das aufrechte Gehen. Dabei spielen viele Elemente zusammen: einzelne Wirbelkörper sind durch Bandscheiben beweglich miteinander verbunden – die ganze Säule steht als doppelt gekrümmte Schwingung in einem Gleichgewicht – so wird wenig Material für maximale Stabilität benötigt.

Was braucht ein gesunder Rücken?

Für das Zusammenspiel ist neben den genannten Anteilen die Muskulatur entscheidend, damit der Bewegungsablauf korrekt wird. Erst die aktive Muskulatur passt die Einzelteile zusammen. Hier hat sollte der Bürostuhl eine aktivierende aber teils auch stützende Funktion haben.

Warum haben so viele Menschen Rückenprobleme?

Die Muskulatur verkümmert bei der meist zu geringen Bewegung im Alltag und damit funktioniert das Zusammenspiel nicht mehr optimal. Hier muss entgegengewirkt werden!

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