Die Dunkelziffer ist hoch, die Folgen sind schwerwiegend. Und doch ist Mobbing so selbstverständlich in deutschen Büros zu finden wie Schreibtische, Bürostühle oder Telefone. Mobbing hat nichts mit gelegentlichen Neckereien zu tun; es handelt sich um einen Angriff auf die geistige und gegebenenfalls auch körperliche Gesundheit von Mitarbeitern. Zwar gibt es bislang keinen eigenen „Mobbing-Paragraphen“ im Strafrecht – in schlimmen Fällen greifen Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung oder Verleumdung für entsprechende Taten. Höchste Zeit, grundlegend über eine ernstzunehmende Gefahr am Arbeitsplatz zu sprechen.

Was ist Mobbing?

Um dem Phänomen „Mobbing“ konsequent auf die Spur zu kommen, sei gleich zu Beginn der ganz feine Sprachhobel ausgepackt. Man könnte schon meinen, dass ein Anglizismus, der in den deutschen Sprachgebrauch übernommen wird, wenigstens exakt das selbe bedeutet wie in seiner Herkunftssprache. Das tut er aber nur bedingt: Das englische „mobbing“ bezeichnet eigentlich einen Zustand, nämlich „anpöbelnd“ oder „etwas umgeben“. Als Substantiv wird es zwar ähnlich verwendet wie im Deutschen, jedoch kennt das Englische noch ein paar Ausbaustufen: erst „mobbing“ (anpöbeln), dann „harrassing“ (belästigend, schikanierend) und schließlich das Wort, das einen Vorgang beschreibt wie das denglische „Mobbing“: „bullying“.

Bullying oder Mobbing – was soll diese Wortklauberei?

Jemand, der schon einmal gemobbt wurde, wird auf solche Feinheiten gehobenen Wert legen. Mit Pöbelei hat richtiges Mobbing nämlich ebenso wenig zu tun wie mit Belästigung. Zwar überschreitet jemand, der am Arbeitsplatz pöbelt oder belästigt ganz klar eine Grenze, und nicht nur die des Anstands. Doch geht echtes Mobbing weiter als eine eventuell einer glühenden Wut entstammenden Entgleisung. Blickt man auf die vielen Wortbedeutungen von „bullying“, kommt man der Sache nämlich näher: „tyrannisieren“, „schikanieren“ oder „einschüchtern“ steht da zum Beispiel. Der Schikanierende, also der „bully“ wird als „Tyrann“ oder „brutaler Kerl; Schläger“ bezeichnet. Brutalität und Tyrannei hat eine andere Qualität und dabei einen längeren Atem als das kurzzeitig au.odernde Grenzüberschreitung. Psychoterror, die korrekte Übersetzung von „bullying“, trifft es den Nagel jedoch genau auf den Kopf. Da stellt sich nicht nur Mobbingopfern die Frage, wieso es überhaupt notwendig ist, einen falschen Anglizismus für etwas zu benutzen, das die deutsche Sprache sehr exakt zu beschreiben weiß.

Dennoch hat sich Mobbing als Synonym für Psychoterror am Arbeitsplatz durchgesetzt. Durch die Möglichkeit, Menschen im Internet anonym mit Schmähungen zu überziehen, hat das Wort als „Cyber-Mobbing“ (englisch: cyber-bullying) einen Ableger bekommen. Die Quintessenz dieses Exkurses: Psychoterror am Arbeitsplatz bewegt sich in anderen Dimensionen als eine Pöbelei oder eine Belästigung, der einer auflodernden Emotion entsprechen kann. Psychoterror verlangt, ganz im Gegenteil, nach kaltem Kalkül. Möchte man sich einer Defnition nähern, lässt sich „Mobbing“ als Absicht beschreiben, einen anderen mit gezielten, wiederholten und regelmäßigen Schikanen aus einer bestimmten sozialen Gruppe hinauszuekeln. Kein Wunder, dass der Arbeitsplatz der häufigste Schauplatz solcher Attacken geworden ist. Der Konkurrenzkampf ist groß; und wer es nicht auf der Kiste hat, sich durch Leistung hochzuarbeiten, mobbt sich eben den Weg frei. Dabei sind es keineswegs nur gleichgestellte Kollegen, die sich gegenseitig tyrannisieren. Oft wird auch von oben nach unten gemobbt – eine besonders perfide Art des Psychoterrors, weil sich Betroffene noch weniger wehren können als gegen hierarchisch Gleichgestellte.

Zur Geschichte des Begriffs „Mobbing“

Dass sich Kollegen und Vorgesetzte gegenseitig diffamieren und isolieren, um sich auf Dauer zu zermürben, ist ein Verhalten, das natürlich wesentlich älter ist als der Begriff, der es beschreibt. Anfang der 1990er tauchte er erstmals in der öffentlichen und wirtschaftlichen Diskussion auf. Laut einer Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin wurde zu dieser Zeit in zunehmendem Maß und quer durch alle Beschäftigungsgruppen von Angriffen, Schikanen oder sozialer Ausschluss durch Kollegen, Kolleginnen oder Vorgesetzte laut. Erste Untersuchungen, die im skandinavischen Raum von einer Gruppe von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen um den mittlerweile verstorbenen Psychologen und Pionier in der Mobbingforschung, Heinz Leymann, vorgenommen wurden, zeigten schon damals, dass Mobbing alles andere als eine Randerscheinung war. Die Veröffentlichung der Studie schlug ein in der Bundesrepublik: Krankenkassen, Gewerkschaften und Kirchen befassten sich mit dem Thema. Erste Selbsthilfegruppen, Betriebsinitiativen und sogar eine bundesweite Hotline wurden eingerichtet.

2002: Der erste deutsche Mobbing-Report

Nach der Jahrtausendwende erschien dann der erste Mobbing-Report für Deutschland, der sich auf repräsentative Daten stütze. Die Ergebnisse waren unter anderem: Gut eine Million berufstätiger Deutscher litt unter Mobbing, wobei ältere Erwerbstätige einem erhöhten Risiko ausgesetzt, unter 25-Jährige jedoch am stärksten betroffen waren. Der höchste Mobbing-Risikofaktor entfiel auf die Berufsgruppe der Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Erzieher – mit Abstand gefolgt von Verkaufspersonal, Bank- und Versicherungsfachleuten, Techniker und Gesundheitsdienstberufe, Informatiker und Rechnungskaufleute sowie in Büroberufen Tätige. Sortiert nach Branchen, besaß das Verlagsgewerbe die spitzesten Ellbogen, gefolgt von der Holz-, Kredit- und Elektrizitäts-Branche. Den Verfassern der Studie war es wichtig anzumerken, dass der Begriff „Mobbing“ oftmals unangemessen verwendet wurde – was übrigens auch gute 15 Jahre später noch gilt. Sie wiesen darauf hin, dass am Arbeitsplatz auch vereinzelte Sticheleien und Auseinandersetzungen vorschnell als Mobbing bezeichnet würden. Da auch in der wissenschaftlichen Literatur Mobbing kaum einheitlich definiert würde, stützten sie sich weitgehend auf Leymanns Beschreibung von Mobbing als „negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen“. Die Verfasser leiteten daher für ihre Arbeit folgende Definition ab: „Unter Mobbing ist zu verstehen, dass jemand am Arbeitsplatz häufig über einen längeren Zeitraum schikaniert, drangsaliert oder benachteiligt und ausgegrenzt wird.“

Steigende Tendenz: Mobbing ist und bleibt ein Problem

Natürlich wurde immer schon gemobbt. Einzelnen Erhebungen und Studien ist aber zu entnehmen, dass die Bereitschaft, Kollegen das Leben mit gezielten Angriffen schwer zu machen, in jüngster Zeit gestiegen ist. Andererseits ist das Problem heute eher bekannt und so schauen nicht nur Betriebsrat, Gewerkschaft oder Interessenverbände mit einem besonders scharfen Auge auf das Verhalten ihrer Mitarbeiter am Arbeitsplatz. Gerade in Zeiten ständig steigender Arbeitszeiten sind Vorgesetzte darauf bedacht, dass im Büro ein gutes Betriebsklima herrscht. Allerdings gibt es eben auch einen hohen Prozentsatz an Mobbing, das aus purer Langeweile entsteht – ohne konkreten Anlass und ohne weitreichende Agenda.
Letzteres lässt sich auch abseits des Arbeitsplatzes beobachten. Ob nun mit Hilfe des Internets oder direkt auf dem Schulhof: Seit sich das Wort „Opfer“ in der Jugendsprache als Schimpfwort etabliert hat und eher Häme als Mitleid auszulösen vermag, wird besonders unter Heranwachsenden in einer Qualität gemobbt, die ins Menschenverachtende reicht. Die Kanadierin Amanda Todd hat traurige Berühmtheit erlangt. In ihrem Fall stand am Ende einer beispiellosen Hetzkampagne im Netz und auf dem Schulhof Selbstmord. Zahlreiche Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren nahmen sich in den letzten Jahren nach einer langen Weile direkter beziehungsweise indirekter Attacken ebenfalls das Leben. Die Täter, ein unbestimmter Schwarm aus Klassenkameraden, Bekannten und sogar Wildfremden, die sich an den Schmähungen beteiligen, werden natürlich nie gefasst und können daher auch nicht bestraft werden.
Aus mobbenden Schülern werden also mobbende Arbeitnehmer. Entsprechend wichtig ist es also für Kollegen und Vorgesetzte, wachsam zu bleiben und Verhalten, das sich als Mobbing qualifiziert, nicht mal im Ansatz zu dulden.