Es gibt da diese Faustregel, wenn es um das Erlernen eines Instruments geht: Nur wer bis zu seinem 20-jährigen Geburtstag minimum 10 000 Stunden geübt hat, so die gängige Meinung, kann sich Chancen ausrechnen, ein Meister seines Fachs zu werden. Rund 417 Tage à 24 Stunden des Non-Stop-Übens wären das umgerechnet. Keine Frage: Nachdem die wenigsten Musikinstrumente im Gehen gespielt werden, bedeutet diese immense Zeitspanne neben vielem anderen: Jede Menge Sitzfleisch. Gut, dass es spezielle Musikerstühle gibt. Ein kleiner Überblick über die Arbeitsbedingungen eines Musikers und die Anforderungen, die ein guter Stuhl für Musikschaffende erfüllen sollte.

Musik die sitzt

10 000 Stunden ist eine immense Zeitspanne. Gut, ein Tag hat 24 Stunden und so ließe sich theoretisch in knapp einem Jahr ohne Schlaf und Pausen ein Instrument meisterlich beherrschen. Nachdem die meisten Menschen aber recht dringend Schlaf, frische Luft und Essen brauchen, werden schnell 666 Tage mit 9 Stunden für Nahrungsaufnahme und Ruhezeit draus. Wer sich aber schon mal an einem Instrument versucht hat, weiß, wie fordernd es sein kann, sich nonstop mit einem verzwickten Thema zu beschäftigen. Entsprechend sind die acht Stunden, die ein normaler Arbeitgeber inklusive Pausen seinem Job nachgeht, schon eine sportliche Annahme: Ohne Wochenenden werden da 1250 Tage, also gut dreieinhalb Jahre draus. Mit Wochenenden sind’s schon knapp über vier Jahre urlaubslose Vollzeit-Beschäftigung.

Wem angesichts dieser Rechenbeispiele schon schwindlig wird, sollte sich vor Augen halten, dass etwa ein Mozart, ein Bach oder ein Beethoven und sicherlich auch die Beatles bis zum Höhepunkt ihres Schaffens locker im fünfstelligen Übungsstunden-Bereich gewesen sein dürften. Wer sich mit Musiker-Biographien beschäftigt, stößt vor allem bei Virtuosen meist im vorderen Drittel des Buches auf ein ziemlich ereignisloses Kapitel. Oft einer inneren Getriebenheit hin zur Musik folgend, verschanzen sich die Protagonisten vom Rock-Gitarrist, Punkrock-Schlagzeuger oder Weltklasse-Pianist in ihren Kellern, Kinderzimmern oder Proberäumen und üben in jeder freien Minute. Kurz nach dieser Episode pflegt die Handlung dann Fahrt aufzunehmen; nämlich an dem Punkt, an dem der Lebensgeschichtenerzähler merkt, dass sich bezüglich seines Könnens eine Menge getan hat und er den Schritt in die Öffentlichkeit wagt.

Doch nicht nur die schiere Zeitmenge ist ausschlaggebend für das Gelingen, Natürlich gehören dazu auch Talent und das Glück, seinem Streben ungestört oder sogar von einem Lehrer oder Mitmusiker gefördert nachzugehen. Denn allein durch das „Absitzen“ bloßer Übungszeit ist auch noch kein Meister entstanden. Dass die Zahl 10 000 überhaupt aufgekommen ist, hat die breite Öffentlichkeit übrigens dem US-amerikanischen Schriftsteller Malcolm Gladwell zu verdanken. Er griff in seinem Buch „Überflieger“ die Studie zweiter amerikanischer Psychologen auf, die Anfang der Neunziger feststellten, dass man sich mindestens 10 000 Stunden mit einer Sache beschäftigen muss, um darin ein Spezialist zu werden – ungeachtet des Talents oder besonderer körperlicher Voraussetzungen. Die abgeleitete Vereinfachung, dass sozusagen in jedem ein Tänzer, Sänger, Akrobat, Instrumentalist oder Leistungssportler auf Weltniveau steckt und dass praktisch alles zu erlernen ist, wurde in der Folge des öfteren widerlegt.

Ein US-Psychologie-Professor fand zum Beispiel heraus, dass manche Musiker schon nach weniger als 5000 Stunden auf der Übungsuhr zu Meistern ihres Fachs geworden waren, andere aber weit mehr als 10 000 Stunden geschuftet hatten und doch nur im Mittelmaß angekommen sind. Die niederschmetternde Nachricht für alle Viel-Über: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der 10 000 Stunden übt und dadurch in meisterliche Gefilde vordringt, liegt bei gut 12 Prozent.

Übung macht den Meister

Sei’s wie es sei. Wer in seinem Fach gut werden will, muss viel üben – und anhand der vorliegenden Zahlen lässt sich doch eine gute Größenordnung ausmachen, wie viel das sein kann. In Sitzstunden bedeutet das: viel zu viel. Die meisten Menschen werden neben ihren instrumentalen Übungsstunden nämlich auch noch andere Dinge im Sitzen erledigen müssen: zur Schule gehen, zum Beispiel, oder arbeiten. Entsprechend wichtig ist, dass der Stuhl, auf dem der Musiker übt, sich ideal an die Anforderungen des jeweiligen Instrumentalisten anpassen lässt.

Als angehender Profi-Fagottist hat Leonhard am Tag zwischen vier und fünf Stunden Üben auf dem Terminplan – im Durchschnitt. Kommen Auftritte, Aufnahmen oder Orchesterreisen dazu, erhöht sich das Pensum. Dann steckt er schon mal zehn bis zwölf Stunden im Studio oder im Proberaum. Einen Großteil der Zeit verbringt der Student an der Hochschule für Musik und Theater München im Sitzen. „Zuhause benutze ich einen ganz normalen Schreibtisch-Stuhl zum Üben, bei Konzerten verwenden wir in der Tat speziellere Stühle“, berichtet der 24-Jährige. „Wichtig sind drei Dinge: dass sie sich in der Höhe regulieren lassen, dass sie eine verstellbare Lehne haben und dass die Neigung der Sitzfläche zu verändern ist.“

In der Höhe, der Sitzflächen-Neigung und an der Lehne lassen sich auch die meisten Bürostühle verstellen – dennoch finden sich im Fachhandel spezielle Stühle für Instrumentalisten. Wobei „Stuhl“ viel zu kurz greift: Es handelt sich um Steh- oder Sitzhilfen mit mehreren Fußrasten, deren Sitzfläche sattelförmig ausfällt. Über eine klassische Stuhllehne verfügen sie nicht; es handelt sich eher um eine höhenverstellbare Stütze für den unteren Rücken. Vor allem Musiker mit Haltungsschäden schwören auf derartige Stühle.

Ein Sattel für den Gitarristen, ein Hochstuhl für den Kontrabassisten

Neben Spezialstühlen für Kontrabassisten, die über spezielle Fußrasten und eine verhältnismäßig extreme Höhenverstellbarkeit verfügen, gibt es Spezialstühle für Dirigenten, Gitarristen und natürlich Schlagzeuger. Apropos Schlagzeuger: Kaum ein Instrument, das man auf Anhieb so mit langem Sitzen in Verbindung bringt, wie das Drumset. Ob im Jazz, Rock, Pop oder natürlich auch im Orchester: Schlagwerker ackern körperlich ein enormes Pensum ab, das je nach Musikrichtung an Sport grenzt: Anders als Schach, das ja auch unter die Rubrik „Sitzsport“ fällt, liegt eine gewisse Körperlichkeit im Wesen des Schlagzeugspiels. Schaut man sich die Bilder von Hardrock- oder Heavy-Metal-Bands an, wird schnell klar, dass sich die Damen und Herren von der Fellgerberei einen beachtlichen Körperbau antrainiert haben – spätestens, wenn Sie ein paar Jahre lang ihr Handwerk betrieben haben. Bei Jazz-Drummern geht’s zwar eher um die leisen Zwischentöne und um geschickt ziselierten Groove – aber auch Feinmechanik fordert den Körper. Vor allen Dingen eben, weil Schlagzeug, mit Ausnahme von ein paar Exoten aus der Rockabilly-Abteilung, im Sitzen gespielt wird.

Als Mitglied einer weltweit agierenden Percussion-Show-Truppe ist Jürgen auf der Bühne zwar dauernd in Bewegung. Als Studiobetreiber, Produzent, Komponist, Lehrer und Mitglied mehrerer Bands sitzt er aber oft und lang. Beinahe logisch, dass er selbst schon Probleme, die durch langes Sitzen und das Einnehmen von Zwangshaltungen entstehen, hatte. Entsprechend hat sein Wort Gewicht, wenn er über die richtige Herangehensweise ans Schlagzeugspiel spricht. In seinen Augen ist nämlich der passende Stuhl, ein mitwachsendes Schlagzeug und die richtige Art und Weise, am Instrument zu sitzen der Dreiklang, aus dem das rückenschonende Schlagzeugspiel gemacht ist. Natürlich spricht er als Schlagzeug-Dozent, wenn er darauf besteht, dass ein guter Lehrer das Instrument seines Schülers passend einstellt und darauf achtet, dass er eine gute Sitzhaltung erlernt. Das gelte selbstverständlich aber auch für alle Arten von Instrument, sagt der 46-Jährige.

Gesundheitsschäden durch Büroarbeit, nicht durchs Schlagzeugspiel

„Ganz generell gilt: Sowohl das Instrument als auch der Stuhl davor müssen mitwachsen können. Vor allem Schüler zwischen 10 und 14 Jahren wachsen viel – und es versteht sich von selbst, dass ein Schlagzeug, das ein 10-Jähriger spielt, anders aussehen muss als ein Schlagzeug, das ein Erwachsener spielt.“ Was den Stuhl angeht, sei auch vieles Geschmacksache. „Von allzu bequemen Schlagzeug-Hockern halte ich nichts; es gibt da Modelle mit Lehne“, so der Profi. „Der Schlagzeuger einer normalen Pop- oder Rockband sitzt von der Körperhaltung aber eher so, dass seine Aufmerksamkeit und sein Bewusstsein unterstützt werden – und das bedeutet im unteren Beckenbereich bestimmt keine abgeknickte Wirbelsäule.“

Der Energiefluss gehe schließlich durchs Rückenmark und das solle man nicht durch einen Knick unterbrechen. „Man kennt das vom Straßenverkehr“, sagt er, „Selbst ein so genannter Liegefahrer setzt sich in einer kritischen Situation automatisch aufrecht hin. Beim Trommeln ist es ähnlich: Du bist praktisch dauernd auf Sendung und brauchst 100 Prozent Aufmerksamkeit.“ Entsprechend rate er zu Stühlen, die eine aufrechte Körperhaltung ermöglichen. „In der Höhe sollten sie stufenlos einstellbar sein und drehbar – und je nach Geschmack eine nach außen abgerundete, wagenrad- oder sattelförmige Sitzfläche haben.“

Eines ist dem 46-Jährigen wichtig: „Die gesundheitlichen Schäden, die ich habe, kommen nicht vom Schlagzeugspielen, sondern von der Studio- oder Büroarbeit.“ In der Folge habe er sich einen ergonomischen Bürostuhl besorgt.